Exposé
“Schmetterlingsmacher”
Roman
Genre: Historischer Roman / Psychologischer Spannungsroman
Titel: Schmetterlingsmacher | Der Ritt der Walküren)
Schauplatz: Deutschland, Drittes Reich, Fiktion
Erzählstil: Ich-Erzähler (Janosch Adonay / Hubert Eisenmann) und personaler Erzähler mit wechselnden zeitlichen Ebenen
Leser-Mehrwert: Vielschichtige Einblicke in die NS-Zeit
Zielgruppe: Leser historisch-psychologischer Romane (z. B. Laurent Binet, Robert Harris, Klaus Mann)
Vergleichbare Geschichte: Das Leben ist schön (La vita è bella)
Umfang: 392 Seiten, Format B5 / 122.000 Wörter
Klappentext
Zwei Männer. Eine falsche Identität. Und ein psychologisches Duell im Angesicht des Untergangs.
Bayreuth, 1930er-Jahre: Der Sinto und begnadete Opernsänger Janosch Adonay brilliert auf der Bühne als Wagners Siegfried. Unter den begeisterten Zuschauern ist auch Adolf Hitler, der von dem jungen Tenor fasziniert ist.
Ein Jahrzehnt später tobt der Zweite Weltkrieg. Um der Verfolgung und Vernichtung durch das NS-Regime zu entkommen, schlüpft Janosch in die Uniform eines verstorbenen SS-Offiziers: Als „SS-Obersturmführer Hubert Eisenmann“ versucht er zu überleben. Doch das Schicksal zwingt ihn in eine tödliche Falle: Hitler erkennt den gefeierten Sänger wieder. Unwissend, dass er einen Verfolgten vor sich hat, sucht der Diktator im Wahn des untergehenden Reiches den Kontakt zu seinem einstigen Idol – erfreut darüber, dass der gefeierte Tenor nun offenbar Karriere in der SS gemacht hat. Um seine Familie zu schützen und seine Maskerade zu wahren, muss Janosch die Scheinfreundschaft zum Führer aufrechterhalten – während er tief im Führerbunker in die ungeheuerlichsten Geheimnisse des Regimes eingeweiht wird. Wie weit kann man gehen, um zu überleben, wenn der Preis die eigene Seele ist?
LOGLINE
Ein untergetauchter Sinto überlebt die NS-Diktatur in der Uniform eines SS-Offiziers. Als Adolf Hitler ausgerechnet in ihm seinen verloren geglaubten Kultur-Freund wiedererkennt, wird die erzwungene Nähe zum Diktator zum tödlichen Seiltanz zwischen Enttarnungsangst und persönlicher Tragödie.
THEMEN & USP
Subversive Tarnung & Identität: Die doppelte Wucht einer Identität als Sinto und SS-Mann.
Kultur als Waffe und Maske: Die Faszination der NS-Riege für Richard Wagner und des Nibelungen Mythos im scharfen Kontrast zur Brutalität des Vernichtungskrieges.
Psychologische Demontage: Eine dicht erzählte Demontage des Diktators aus nächster Nähe.
DIE HAUPTFIGUREN
Janosch Adonay (alias SS-Obersturmführer Hubert Eisenmann): Protagonist. Begnadeter Wagner-Tenor und Sinto. Ein Meister der Mimikry, der nach der Verfolgung und Zerstörung seiner Familie in die Uniform eines toten SS-Mannes schlüpft und zum perfekten Verwandlungskünstler wird. (daher der Titel: Schmetterlingsmacher)
Adolf Hitler: In seinen letzten Lebensmonaten ein von Drogen, Wahnvorstellungen und militärischem Zerfall gezeichneter Tyrann, der sich verzweifelt an die kulturelle Utopie seiner Jugend und den Tenor Janosch klammert.
Irena & Fritz Adonay: Janoschs Frau und sein Sohn. Auch sie müssen im Alltag unter falscher Identität agieren. Als Fritz trotz der getarnten Herkunft in den letzten Kriegstagen zum Volkssturm eingezogen wird, droht das gemeinsame Lügengerüst einzustürzen.
Joseph Goebbels & Heinrich Himmler: Die misstrauischen Gegenspieler im Bunker, die in „Eisenmann“ einen verdächtigen Emporkömmling sehen und versuchen, seine Biografie zu durchleuchten.
INHALTSANGABE (PLOT)
Teil 1: Die Maske (1944)
Janosch Adonay, einst gefeierter Wagner-Tenor in Bayreuth, überlebt den Rassenwahn der Nationalsozialisten nur durch eine waghalsige Identitätstäuschung: Er trägt die Uniform des ermordeten SS-Obersturmführers Hubert Eisenmann. Während eines Luftangriffs begegnet er in einem Behelfsbunker Adolf Hitler. Hitler, der Janosch Jahre zuvor als „Siegfried“ auf der Bühne erlebte, erkennt den Sänger wieder. Unwissend über Janoschs wahre Identität sucht der von Niederlagen geplagte Diktator Zuflucht in einer intellektuellen Brieffreundschaft über die Opern Richard Wagners. Für Janosch wird Hitlers persönliche Wertschätzung zur überlebenswichtigen Bürgschaft: Niemand in der Führung wagt es, den „Freund des Führers“ zu hinterfragen
Teil 2: Im Zentrum des Wahns (Frühjahr 1945)
Anfang 1945 wird Janosch überraschend nach Berlin in den Führerbunker beordert. Dort wird er Zeuge des vollständigen körperlichen und geistigen Zerfalls der NS-Führung. Hitler zieht Janosch tief in seine Wahnwelt hinein und enthüllt ihm verheerende Pläne („Operation Walkürenritt“). Doch das Pflaster wird heißer: Goebbels und Himmler begegnen Janosch mit offenem Argwohn. Als eine Gegenüberstellung mit Winifred Wagner droht – der Einzigen, die Janoschs wahres Gesicht kennt –, droht die Maskerade zu platzen. Janosch gerät in ein unlösbares Dilemma: Seine erzwungene Nähe zu Hitler sichert ihm das Überleben, macht ihn jedoch gleichzeitig zum Mitwisser und potenziellen Helfershelfer grässlicher Verbrechen. Gleichzeitig bangt er um seinen Sohn Fritz, der zum Volkssturm einberufen wurde.
Teil 3: Das Duell und das Ende
Zwischen den Fronten gerät Janosch in die Hände der US-Truppen. Als die Amerikaner die Tragweite seiner Verbindung zu Hitler begreifen, setzen sie ihn unter Druck: Janosch muss als Spion in das Reich zurückkehren. Im belagerten Führerbunker im April 1945 spitzt sich das psychologische Kammerspiel dramatisch zu. Als der finale Kollaps unmittelbar bevorsteht, lässt Janosch gegenüber dem geschwächten Hitler die Maske fallen und offenbart seine wahre Identität als Sinto. Für den Diktator bricht die letzte Illusion seiner reinen Kulturwelt zusammen. In einem letzten, verzweifelten Akt der Rache befiehlt der gedemütigte Diktator noch kurz vor seinem Suizid die Exekution von Janoschs Sohn Fritz an der Front. Janosch überlebt den Krieg, bezahlt seinen Sieg über den Tyrannen jedoch mit dem Leben seines Sohnes.
Titelvorschläge
Der Autor
ALEXANDER BUCH
Grafik-Designer • Regisseur • Autor
Geboren:
Studium:
Selbstständiger Grafik-Designer:
Film :
06.06.1966
Grafik-Design auf der FAKD in Frankfurt mit sehr gutem Abschluss 1996
Seit 1995
Kurzfilme, Werbespots seit 2008
Geschichten erzählen ist meine Passion. Nach drei Jahrzehnten als selbstständiger Kommunikationsdesigner erweckte ich mit dem Kurzfilm „Das große Geschäft“ meine erste Geschichte zum Leben. Der Film wurde mehrfach ausgezeichnet und u. a. auf dem Filmfest München gezeigt. Es folgte der Kurzfilm „Faule Zellen“ mit Martin Armknecht (Lindenstraße • Manta Manta)
Alexander Buch
Lindenstraße 14
65719 Hofheim
hallo@grafik-labor.de
www.grafik-labor.de
Tel.: 0 160 92 888 354
Leseprobe
Prolog
1944-1945
„Wen liebst du mehr, deinen Vater oder den Führer?“, brüllte der Waffen-SS-Offizier so heftig, dass er die letzten Silben nur noch jauchzend herauspresste. Mein Sohn Fritz verstand das heisere Gekrächze kaum, konnte aber ahnen, was der Mann meinte. Sein Lehrer hatte ihm diese Frage in der Schule schon oft gestellt.
Deshalb gab er, wie auswendig gelernt, die immer gleiche Antwort: „Natürlich den Führer.“
Im Herbst 1944 erschien die SS auf den Schulhöfen, um mit reißerischen Worten für den Volkssturm zu werben. Dem Reich gingen die Soldaten aus. Nun sollten Kinder und alte Männer in den Untergang gezogen werden.
Der Offizier nickte zufrieden. Für ihn war Fritz’ Antwort ein Beweis gelungener Erziehung. Ein weiterer deutscher Junge, der gelernt hatte, den Führer über die eigene Familie zu stellen.
Niemand bemerkte, was Fritz verschwieg. Die Wahrheit hätte unsere gesamte Familie augenblicklich in Gefahr gebracht. Also sagte mein Junge genau das, was man von ihm hören wollte. Es war ein Lügengerüst, das wir als Familie seit Jahren mühsam aufrechterhielten, um überhaupt zu überleben.
„Süß und ehrenvoll ist’s, fürs Vaterland zu sterben“, sagte der SS-Offizier schließlich, zog eine Liste hervor und las Namen vor.
Unser Sohn Fritz wurde als Dritter aufgerufen.
Irgendwo an der Ostfront sollte er mit anderen schlecht ausgebildeten Kindern und Alten stationiert werden, um die schnell voranrückenden russischen Streitkräfte zu stoppen.
Fritz erhielt eine ausgediente Wehrmachtsuniform ohne Rangabzeichen mit dem Befehl, sich bereitzuhalten. Er trug das Bündel nach Hause und hängte die Uniform in den Schrank. Sie hing dort, noch ehe ein einziger Schuss gefallen war, und lauerte auf ihn wie ein Befehl. Schon zwei Tage später sollte Fritz zur ersten Wehrübung antreten. Der Krieg, der eben noch als Nachricht mit uns am Küchentisch gesessen hatte und als dunkle Uniform im Schrank hing, wartete darauf, angezogen zu werden.
1
Als einige Tage später der Truppentransporter Fritz abholte, stand ich bereits, auf meine Krücken gestützt, vor unserer Haustür und verabschiedete meinen Sohn in Uniform. Irena schaffte es nicht bis zur Tür; sie verabschiedete sich tränenüberströmt im Haus. Auf der gegenüberliegenden Straßenseite wartete der Lastwagen mit laufendem Motor. Beißender Dieselqualm stieg mir in die Nase und ließ mir die Augen tränen. Der Fahrer hupte schon zum zweiten Mal und schrie aus dem offenen Fenster: „Obersturmführer, machen Sie Dampf, sonst sind die Russen schneller im Westen als die Handvoll Kinder im Osten!“
Ich gab ihm ein Handzeichen. „Einen kleinen Moment bitte noch …“ Dann nahm ich meinen Sohn in den Arm und sagte eindringlich: „Fritz, behalte immer ein klares Ziel vor Augen. Das hilft dir in der Ferne, wenn du dich verloren fühlst, wenn du nichts mehr hast.“
Er nickte stumm, sah dann zu mir hoch und fragte mit düsterer Miene: „Was soll das für ein Ziel sein?“ Sein Gesicht war fahl wie der aufgehende Mond am Horizont.
„Dass du irgendwann nach Hause kommst. Das muss immer dein Ziel bleiben.“
Ich drückte seinen Kopf noch fester an meine Schulter. Tränen, diesmal nicht vom Dieselgestank, liefen mir über die Wangen. Dann drehte ich ihn behutsam zum Horizont und zeigte auf den aufgehenden Vollmond.
„Der Mond. Er verbindet uns und ist von jetzt an die Telegrafenleitung zu deiner Familie. Sein Licht sehen wir hier, genauso wie du in der Ferne, egal wo du gerade bist. Schau jeden klaren Abend um 21 Uhr zum Mond. Wir tun es hier auch und denken an dich. Das hilft dir, wenn du dich verloren fühlst.“
Fritz nickte. Nun liefen auch ihm Tränen über die Wangen. Der Lastwagen hupte schon zum dritten Mal. Der Fahrer schrie irgendetwas, doch ich konnte oder wollte es nicht verstehen. In diesem Moment war mir alles egal.
Ich zog meine Armbanduhr vom Handgelenk und reichte sie Fritz. „Damit du immer weißt, wann es 21 Uhr ist“, flüsterte ich mit brüchiger Stimme und legte sie ihm in die Hand. Ohne mich noch einmal anzusehen, drehte sich mein Junge um und rannte zum Laster. Dann fuhr er fort.
Er schrieb noch zweimal in den restlichen Monaten eines Krieges, der schon seit Jahren auf sein Ablaufdatum zusteuerte. Seine letzte Nachricht hatte uns im Februar 1945 erreicht. Er hatte nur wenige Zeilen geschrieben:
Meine lieben Eltern,
mir geht es noch gut. Ich bin mit einer Volkssturmeinheit nach Berlin gekommen. Die Nazis wissen, wer ich bin, und haben mich in ein Bataillon gesteckt. Jeden Tag werden wir weniger. Jetzt sind wir noch 170 Mann. Alte und Junge, kaum älter als ich. Trotzdem schicken sie uns immer wieder nach vorn. Wir haben keine Ausbildung, nur Eierhandgranaten. Ich wollte gleich desertieren, zu den Russen rüber, aber es ging nicht. Ein paar hundert Meter hinter uns liegt die SS im Graben. Wenn einer wegläuft, erschießen sie ihn.
Jeden Abend schaue ich in den Himmel. Und wenn ich den Mond sehe, denke ich an zu Hause.
Euer Fritz
Trotz dieses erschütternden Briefes klammerten wir uns an die Hoffnung, dass sich alles noch zum Guten wenden würde. Vielleicht, dachten wir, war Fritz in Kriegsgefangenschaft geraten und würde nach Kriegsende freikommen.
2
Mitte Juni 1945, etwa sechs Wochen nach der Kapitulation der Wehrmacht, stand plötzlich ein Mann in unserer Tür. Er mochte Mitte sechzig sein. Dunkle Schatten lagen um seine Augen und ließen ihn älter erscheinen, als er war. Narben und tiefe Falten durchzogen sein Gesicht, als hätte sich alles, was er hatte durchstehen müssen, darin eingegraben. Wortkarg bat er um Einlass. Er müsse noch etwas erledigen, sagte er nur.
Zusammengekauert saß er an unserem Küchentisch, den Blick starr auf das Holz gerichtet. Es kostete ihn sichtbare Überwindung, die Stille zu brechen. Er griff schließlich in die Tasche, zog meine alte Armbanduhr hervor und legte sie wortlos auf den Tisch.
Irena krallte die Fingernägel so tief in die Tischplatte, dass die Knöchel weiß hervortraten. „Fritz?“, entfuhr es ihr mit der schrecklichen Ahnung einer Mutter.
Der Mann sah nicht auf. Eine einzelne Träne bahnte sich den Weg durch die Furchen in seiner Wange. „Jeden Abend hielt ich mit Ihrem Jungen nach dem Mond Ausschau …“, flüsterte er. Dann erstickte seine Stimme kurz. „Ich musste mit ansehen, wie er von unseren eigenen Leuten hingerichtet wurde. Der SS. In diesen letzten Tagen war sie nur noch eine amoklaufende Maschinerie. Sie führten jeden Befehl aus, egal wie irrsinnig er war – und sie hatten einen direkten Befehl von …“
Weiter kam er nicht. Irena stieß einen langen Schrei aus, als würde ihr der Sauerstoff aus den Lungen gepresst. Dann saß sie da, starr, mit weit aufgerissenen Augen, und blickte ins Nichts.
Mein eigener Körper zog sich vor Schmerz zusammen. Ich sackte auf dem Stuhl in mich hinein.
Der Mann, der dies zu verantworten hatte, nannte mich seinen besten Freund.
Acht Monate zuvor
7. November 1944
Am frühen Morgen des 7. November 1944 klopfte es an unserer Haustür. Ich saß in der Küche und starrte auf den leeren Platz gegenüber. Seit Fritz vor wenigen Tagen vom Truppentransporter abgeholt worden war, herrschte eine unerträgliche Stille im Haus. Obwohl es unwahrscheinlich war, hoffte ich auf den Postboten und einen Brief von ihm. Auf meine Krücken gestützt, öffnete ich die Tür. Im frühmorgendlichen Nebel stand kein Briefträger im Vorgarten, sondern Ortsgruppenleiter Loth mit einem Rollstuhl.
„Heil Hitler, Obersturmführer Eisenmann. Schon etwas von Ihrem Buben gehört?“
Ich senkte den Kopf und schüttelte ihn leicht. Sofort waren meine Gedanken wieder bei Fritz.
Nach einigen Sekunden betretenen Schweigens sagte Loth: „Der Führer spricht doch heute in den Farbwerken Höchst.“
Ich sah ihn verdutzt an. Den Termin hatte ich völlig verdrängt – auch weil ich bezweifelt hatte, dass er wegen der täglichen Luftangriffe überhaupt stattfinden werde. „Ach ja, richtig. Die Endabnahme des Rüstungsprojekts“, sagte ich seufzend.
„Wie versprochen hole ich Sie ab, damit Sie unseren Führer auch leibhaftig erleben dürfen“, sagte Loth mit geölter Stimme. „Ich habe extra einen Rollstuhl besorgt, um Ihnen den beschwerlichen Weg so angenehm wie möglich zu machen.“
An Ausreden, diesem Jubeltermin fernzubleiben, fehlte es mir nicht. Doch nachdem der Mann sich eigens um einen Rollstuhl bemüht hatte, konnte ich schlecht mit meiner Gehbehinderung ablehnen. Einen Moment lang verdrängte ich den Gedanken an meinen Sohn an der Front, denn für einen SS-Obersturmführer war es Pflicht, der Rede des Führers beizuwohnen, so schwierig die Umstände auch waren.
„Das ist nett, Herr Loth. Auf den Rollstuhl verzichte ich aber und nehme meine Krücken. Gehen Sie ruhig vor, ich brauche noch ein paar Minuten.“
Insgeheim hoffte ich, meinen Begleiter doch noch abzuwimmeln und gar nicht erst erscheinen zu müssen. Doch Loth schüttelte sofort den Kopf. „Kommt nicht in Frage. Ich stelle den Rollstuhl bei mir zu Hause ab und begleite Sie natürlich. In fünf Minuten bei Ihnen vor dem Haus?“
Zähneknirschend stimmte ich zu und zog mich an. Bevor ich ging, stellte ich mich noch einmal vor den Spiegel und kontrollierte die Taschen meiner Uniform. Der SS-Ausweis und die Wehrunfähigkeitsbescheinigung steckten an ihrem Platz, das goldene Verwundetenabzeichen saß unterhalb der Brusttasche, die Armbinde mit dem Hakenkreuz am Oberarm. „Auf geht’s“, sagte ich zu mir selbst, nahm die Krücken und trat hinaus.
Die Luft war klar und kalt. Ein paar Strahlen der tiefstehenden Morgensonne brachen gefiltert durch die Baumwipfel. Der Winter nahte; der Tau auf den Wiesen hielt sich inzwischen bis weit in den Vormittag. Wie angekündigt wartete Loth schon am Gartenzaun. Sofort bot er mir seinen Arm an. Ich lehnte dankend ab und humpelte absichtlich langsam neben ihm her, in der Hoffnung, er würde die Geduld verlieren und sich mit einer Ausrede davonmachen. Doch beharrlich blieb er an meiner Seite, redete unentwegt auf mich ein und schwärmte von früheren Auftritten des Führers.
Andere Bewohner der Siedlung drängten ebenfalls zur Veranstaltung und überholten uns mit eiligen Schritten. Je näher wir der Fabrik kamen, desto mehr Unbehagen stieg in mir hoch; es bremste mein Tempo, während die Krücken immer langsamer im Takt auf dem Asphalt klackten. Denn nicht nur Fritz musste mit der Wahrheit vorsichtig sein, sondern auch ich. Seit Monaten spielte ich eine fremde Rolle. Ich sprach anders, bewegte mich anders und zeigte den Menschen genau den Mann, den sie in mir sehen wollten. Meine Krücken und das Verwundetenabzeichen waren nichts weiter als eine inszenierte Fassade, um nicht an die Front zu müssen. Aus diesem Grund verspürte ich keinerlei Drang, Hitler zuzujubeln. Jahre zuvor begegnete ich ihm persönlich – ein Zusammentreffen, das mir bis heute im Gedächtnis blieb. Für ihn war es vermutlich nur ein flüchtiger Moment unter Tausenden gewesen, bedeutungslos verblasst im Strudel seiner Macht. Dennoch bedrückte mich diese Erinnerung. Was, wenn er mich trotzdem wiedererkannte? Ein einziger Blick in meine SS-Akte, und der Schwindel wäre aufgeflogen. Ganz in mich gekehrt bemerkte ich zunächst nicht einmal, dass sich der Himmel zugezogen hatte. Wenige Meter vor dem Werkstor regnete es plötzlich wie aus Kübeln. Ich zog die Jacke über den Kopf, und wir hasteten in gebückter Haltung, so schnell es mit den Krücken ging, zum Eingangsportal. Der Schauer hörte so rasch auf, wie er begonnen hatte. Über der Fabrik stand ein doppelter Regenbogen. Der Wind trieb die Wolken auseinander, und die Sonne gewann wieder die Oberhand.
„Obersturmführer Eisenmann, schauen Sie nur“, sagte Loth unerwartet feinsinnig. „Wie schön sich die Farben des Regenbogens im Glasdach der Halle spiegeln. Wie passend.“
„Passend wofür?“
„Na, weil wir uns in einer ehemaligen Farbenfabrik befinden. Wenn das kein gutes Omen für den Auftritt des Führers ist.“
„Wie wahr“, antwortete ich schmallippig. In Gedanken war ich längst nicht mehr bei meinem Sohn, sondern bei Hitler, unserer letzten Begegnung und meiner Maskerade.
Früher hatte man in Höchst Farben hergestellt, vor allem rote. Der feine Staub setzte sich auf Kleidung, Haut und in jede Körperöffnung. Man erkannte die Arbeiter schon von weitem, wenn sie nach der Schicht mit roten Händen und rötlich überzogenem Gesicht nach Hause gingen. Daher nannte man das Werk im Volksmund nur die Rotfabrik, und die Arbeiter hießen entsprechend die Rotfabriker.
Nun aber produzierte man dort keine Farben mehr. Während anderswo die Waffenschmieden in Trümmer fielen, blieb die Rotfabrik in Höchst weitgehend verschont und wurde auf Rüstungsgüter umgestellt. In den Hallen entstanden keine wirklichen Panzer, sondern Attrappen aus Holz, Stoff, etwas Eisen und Pappmaché. Sie sollten den Feind täuschen und gegnerische Kräfte binden. Seit Wochen trieb General von Rommelsbacher die Arbeiter und die osteuropäischen Zwangsarbeiter an, damit alles rechtzeitig zum Besuch des Führers fertig wurde.
Kurz hinter dem Eingangstor entdeckte Loth einen Bekannten in der Menge. Nachdem ich ihm mehrmals versichert hatte, dass ich allein zurechtkäme, verabschiedete er sich. In dem anderen Mann fand er sofort einen dankbareren Gesprächspartner als in mir und verschwand mit ihm im Gedränge.
Mir war es recht. Langsam ließ ich mich von der Menge treiben, bis ich mein Ziel erreicht hatte: die große Halle, in der gleich Adolf Hitler auftreten sollte. Vor den nur spaltbreit geöffneten Eingangstoren standen links und rechts die hastig fertiggestellten Panzerattrappen in Reih und Glied.
Ich humpelte an dieser Parade vorbei und blieb dann vor dem gewaltigen Tor stehen. Die Halle aus Stahl und Glas war so hoch wie zwei Einfamilienhäuser und so groß wie ein Fußballfeld. Einen Augenblick lang überlegte ich, ob ich nicht einfach umdrehen und nach Hause gehen sollte. Doch die einströmende Menschenmenge war inzwischen so gewaltig, dass sie mich mit ins Gebäude drängte.
Drinnen schleppten Werksarbeiter hastig weitere Stühle heran, manche stritten sich um die letzten Plätze, Ordner versuchten vergeblich, das Chaos zu bändigen. Schließlich wurden am Kopfende der Halle die großen Rolltore aufgeschoben, damit auch die Menschen draußen einen Blick auf den Führer werfen konnten.
Am anderen Ende stand die hölzerne Bühne. Auf ihr warteten bereits einige Nazigrößen, der Werksleiter und andere Honoratioren. Hinter dem Rednerpult hingen links und rechts zwei riesige Hakenkreuzfahnen von der Decke bis fast auf den Boden. Vor der Bühne hatte man zwei Modelle der Panzerattrappen aufgestellt, schräg gegeneinander versetzt, sodass sich ihre Kanonenrohre beinahe berührten. Davor sammelten sich ein paar Reporter mit gezückten Bleistiften und Notizblöcken.
Als von draußen endlich niemand mehr nachdrängte, beruhigte sich das Treiben allmählich. Jeder schien sich mit dem Platz abzufinden, den er nun hatte. Gerade wollte ich die Gelegenheit nutzen, mich unauffällig davonzumachen, da durchschnitt plötzlich eine grelle Stimme die Luft: „Mach Platz!“
Ich zuckte zusammen und fuhr herum. Ein SS-Hauptscharführer zeigte mit dem Finger auf mich. Mein Atem stockte. Augenblicklich wurden meine Handflächen feucht. Dann wandte sich der Mann ab und riss am Ärmel eines älteren Sitzenden.
„Steh gefälligst auf, aber zackig, und lass unsere verwundeten Helden sitzen“, blökte er und zeigte wieder auf mich.
Der überrumpelte Mann erhob sich ohne Widerspruch und trottete mit gesenktem Kopf davon. Der Hauptscharführer winkte mich heran. Wortlos nahm ich auf dem freien Stuhl Platz. Nun saß ich in der letzten Reihe des linken Blocks, direkt am Mittelgang. Ich machte mich so klein wie möglich. Meine Angst ließ etwas nach; sitzend fiel ich weit weniger auf, als wenn ich mit meinen Krücken mitten in der Menge stand.
Jetzt fehlte nur noch der Führer, der das Rüstungsprojekt mit einer Dankesrede, ein paar Händedrücken und einigen Auszeichnungen zum Abschluss bringen würde. Und danach, so war zu erwarten, würde er mit einer seiner berüchtigten Reden die Menge zum Kochen bringen.
1
Seine Augen waren geschlossen, die Lider flatterten. Tief im Schlaf jagte ihn ein Traum, in dem sich Verzweiflung und Größenwahn zu einer letzten Hoffnung verbanden. Er sah Wunderwaffen aufsteigen, den Volkssturm noch einmal aufbäumen, Städte brennen und Fronten zurückweichen. In diesem Traum war der Krieg noch nicht verloren.
Vor seinem inneren Auge stieg die V2 empor, die neueste Verheißung deutscher Kriegstechnik. Aus einem Flammenmeer schoss sie in den Himmel, unaufhaltsam, dem Zugriff des Feindes längst entzogen. Ihr Tod kam, bevor man sie hörte. Gerade das machte sie in seiner Vorstellung vollkommen: eine Waffe ohne Warnung, ohne Abwehr, ohne Gnade.
Dann vervielfachte sich das Bild. Hunderte silbern glänzende Raketen mit Hakenkreuzen an den Heckflossen zogen über London, Moskau und New York. Welle um Welle gingen sie auf die feindlichen Städte nieder wie ein Stahlgewitter, rissen Straßen auf, zermahlten Häuser und entfachten Feuerstürme.
Je tiefer Hitler in den Schlaf sank, desto maßloser wurden seine Fantasien. Bald reichte ihm die V2 nicht mehr. Vor seinem inneren Auge entstand bereits eine noch gewaltigere Vergeltungswaffe, die selbst Amerika in die Steinzeit bomben könnte. Er wollte die Niederlage nicht erkennen, oder er vermochte es nicht. Also klammerte er sich an den letzten Rest Hoffnung: an seine Wunderwaffen.
Der Eisenbahnwaggon, in dem er allein saß, schüttelte ihn heftig durch. Das Rütteln weckte ihn. Er rieb sich die Augen und pfiff, noch benommen von seinen apokalyptischen Fantasien, eine triumphale Melodie, die ihn seit Jahren begleitete und die er innig liebte: den »Ritt der Walküren«.
Mehrfach hatte er Aufführungen in verschiedenen Opernhäusern besucht, am meisten aber liebte er Bayreuth. Immer wieder hatte er sich ausgemalt, wie großartig es wäre, einen Gleichgesinnten zu haben, mit dem er seine Begeisterung für Wagner teilen könnte. Doch niemand in seinem Umfeld genügte ihm. Die Gefolgsleute, die ihn nach Bayreuth begleiteten, waren für ihn bloß Begleiter. Ihre Gespräche kreisten um Politik, Krieg und Gefälligkeiten. Für Kunst fehlte ihnen die Leidenschaft.
Auch im Privaten sah es nicht besser aus. Eva Braun begleitete ihn zwar zu Aufführungen, Konzerten, Museen und Vernissagen, doch in seinen Augen blieb ihr Kunst bloß Zerstreuung. Über Musik, Kunst, Ängste oder Träume sprach er mit ihr nicht.
„Das ist es“, sagte Hitler laut in den leeren Salon. Er brauchte jemanden, mit dem er sich wirklich austauschen konnte. Über Wagner. Über Wunderwaffen. Über alles, was ihn bewegte.
Er zog ein kleines Notizbuch aus der Innentasche. Eigentlich war es ein Tagebuch, doch Tagebuch erschien ihm kindisch; er nannte es Protokollbuch. Mit dem eingesteckten Stift notierte er, was ein Gefährte mitbringen musste, um seinen Ansprüchen zu genügen.
Der erste Schritt zu einer erfüllten Kameradschaft war getan. Zufrieden lehnte er sich zurück. Mit der Zeit, dachte er, würde sich das Problem von selbst lösen. Er bekam schließlich immer, was er wollte.
Dann hob er die Hand, hauchte in die Handfläche und prüfte seinen Atem. Die Mittel, die er kurz zuvor eingenommen hatte, wirkten offensichtlich. Er sah auf seine Armbanduhr. Die Zeiger verschwammen. Mit der rechten Hand musste er die zitternde linke fest umklammern, um die Zeit ablesen zu können.
„Noch ’ne halbe Stunde“, brummte er.
Das Zittern war die Folge seiner Parkinson-Erkrankung. Dagegen nahm er ebenso Medikamente wie gegen Blähungen, Sodbrennen, Mundgeruch und neuerdings Eukodal. Gerade das Eukodal hatte Macht über ihn gewonnen. Es gab ihm Auftrieb, ließ seine Skrupel schwinden und band ihn enger an seinen Leibarzt Morell, dem er misstraute und dessen Spritzen er doch erwartete.
In wenigen Minuten würde der Zug Frankfurt-Höchst erreichen. Dort stand ein Termin zur Abnahme neuer Rüstungsgüter bevor. Nach der Präsentation wollte er eine Rede halten. Eine aufgestachelte Menge wartete auf diesen Moment und fieberte seiner Ansprache entgegen. Solche Auftritte liebte er — und fürchtete sie zugleich.
Denn jede öffentliche Erscheinung barg die Möglichkeit eines Attentats. Das Komplott um Stauffenberg lag erst wenige Monate zurück. Hitler deutete sein Überleben nicht als Zufall, sondern als Bestätigung der Vorsehung.
Die Bremsen quietschten, die Waggons ruckelten, dann kam der Zug auf offener Strecke zum Stehen. Kein Luftangriff, kein Überfall — sonst wäre längst jemand in den Salon gestürzt. Hitler erhob sich, um nach dem Grund zu sehen. Da entdeckte er neben seinen Medikamenten einen kleinen grünlich schimmernden Käfer, der vergeblich versuchte, die Fensterscheibe emporzukrabbeln und immer wieder abrutschte.
„Nanu, was haben wir denn da, einen blinden Passagier?“, murmelte er und setzte sich wieder. Vorsichtig nahm er den Käfer auf die Fingerkuppe. Direkt vor seinen Augen drehte er die Hand langsam hin und her. Seine Augen leuchteten. Je nach Lichteinfall schimmerte der Panzer grün, gelb, dann wieder blaugrün, fast türkis.
Nicht zu lange Beine, keine bedrohlichen Fühler, keine Zangen. Nichts an dem Tier wirkte abstoßend. Und doch strahlte sein Panzer eine eigentümliche Stärke aus. „Du bist ein kräftiger, grüner Rosenkäfer“, flüsterte er mit einer Stimme, die plötzlich weich und fast vertraulich klang.
Ein Sonnenstrahl traf ihn ins Gesicht. Er blinzelte, musste niesen, und das Insekt purzelte von seiner Fingerkuppe. Mürrisch lehnte er sich zurück, beobachtete den Käfer auf dem Tisch und tippte erst behutsam, dann fester auf den glänzenden Panzer. Immer wieder hielt das Tier inne und kroch dann langsam weiter.
„Hm, der Käfer vertraut auf seine Panzerung“, murmelte er und rieb sich das Kinn. „Darum muss er nicht schnell sein.“ Sofort stellte er den Vergleich zu seinen Panzern her: schwer, gepanzert, nicht flink. Kolosse aus Stahl. Vielleicht würde man ihm in Höchst gleich solche Maschinen in neuer Vollendung präsentieren.
Da fiel sein Blick auf das Vergrößerungsglas, mit dem er sonst die winzige Schrift auf seinen Medikamentenpackungen entzifferte. Vielleicht, dachte er, ließ sich aus dem Panzer des Käfers etwas für den Panzerbau lernen. Mit einer Hand hielt er das zappelnde Insekt fest, mit der anderen das Glas. „Entschuldige, Käfer“, wisperte er beinahe liebevoll. „Ich muss nur noch herausfinden, wie dein bemerkenswerter Panzer funktioniert.“
Er beugte den Kopf, kniff die Augen zusammen und suchte mit kleinen Auf- und Abbewegungen von Glas und Gesicht den Brennpunkt. Schließlich gab er auf. Er fand nichts, was ihm nützte. Ernüchtert legte er die Lupe zurück, ebenso den Käfer, der sofort wieder zur Scheibe krabbelte.
Mit einem Keuchen stand er auf, zog das Fenster herunter und wollte nach dem Grund des Halts sehen. Da stieg ihm plötzlich der Geruch von verkohltem Holz in die Nase. Er fuhr herum. Das Vergrößerungsglas hatte im Sonnenstrahl ein kleines Loch in die Tischplatte gebrannt. Eilig nahm er die Lupe hoch und löschte die Glut mit einem Tropfen Spucke. Ein schwarzer Punkt blieb zurück.
Gedankenverloren setzte er sich wieder. „Ts ts ts, Adolf, was machst du nur“, sagte er kopfschüttelnd zu sich selbst. Unter dem schmalen Oberlippenbart breitete sich ein Schmunzeln aus. Dann griff er erneut nach Lupe und Käfer, schob beides in den Sonnenstrahl und hielt das Insekt in den Brennpunkt.
Mit hämischem Grinsen brannte er ein Loch in den Panzer. Das Tier wand sich, zappelte, versuchte zu entkommen. Der Geruch von verbranntem Horn stieg ihm in die Nase. Regungslos atmete er ihn tief ein. „Bist wohl doch nicht ganz unverwundbar, mein kleiner Parasit“, murmelte er, „so wie die Juden.“
Ein Ruckeln der Waggons und ein zweifaches Pfeifen der Lok holten ihn in die Wirklichkeit zurück. Schnell schob er das Fenster hoch und machte es sich auf dem Sessel bequem. Dann kam ihm der verschmorte Käfer wieder in den Sinn. Er hatte den Fehler gemacht, nur die Panzerung zu betrachten. Nicht der Panzer allein war entscheidend, sondern die Kraft, die ihn durchdrang. Und die Lösung hatte der Zufall ihm vorgeführt: gebündelte Hitze. Licht.
„Eine Strahlenwaffe“, murmelte er. Ein Strahlenjäger war für ihn bereits da, die Me 262, schnell und modern. Nun dachte er weiter: eine Strahlenkanone, die Bomber vom Himmel brennen würde. Seine Augen leuchteten. Insgeheim hoffte er, dass Rommelsbacher ihm heute etwas zeigen werde, das in diese Richtung wies.
Keine fünfzehn Minuten später fuhr der Führersonderzug mit quietschenden Rädern in den kleinen Bahnhof Farbwerke Höchst ein. Bevor er den Waggon verließ, sah er noch einmal auf den verkohlten Käfer. Dann steckte er ihn zusammen mit der Lupe in die Manteltasche. Seine eben noch angefachte Euphorie schlug in Ernüchterung um. Er ahnte, als er das Bahnsteigschild Farbwerke Höchst las, was ihn gleich erwartete. Eine Farbenfabrik, notdürftig zum Rüstungsbetrieb umfunktioniert. Panzer, Kanonen, vielleicht gar nichts. Strahlenwaffen? Utopisch.
Der Gedanke ließ ihn bitter aufstoßen. „Eine Farbenfabrik, na hoffentlich sehe ich nicht rot“, murmelte er. Doch selbst das missglückte Wortspiel rang ihm kein Schmunzeln ab.
Draußen hatte sich der Himmel zugezogen. Der Donner eines nahenden Gewitters und der einsetzende Regen passten zu seiner Stimmung. Mit Zorn im Bauch stieg er aus dem Waggon. Kein Mensch stand vor seinem Abteil. Das Empfangskomitee hatte sich unter das Bahnsteigdach geflüchtet und ließ ihn im Regen stehen.
Generaloberst von Rommelsbacher entdeckte ihn als Erster und lief ihm mit offenem Schirm entgegen. Hitler ging jedoch wortlos an ihm vorbei. Erst jetzt bemerkten auch die anderen den durchnässten Diktator. Nervöse Unruhe erfasste die Gruppe. Man wich zurück, um Platz für den Hitlergruß zu schaffen. Ohne Erwiderung rauschte er an ihnen vorbei, Rommelsbacher im Schlepptau.
Zwei bewaffnete SS-Männer in dunklen Uniformen hasteten hinterher. Dahinter setzte sich der ganze Tross in Bewegung, als zöge er sie an einer unsichtbaren Leine. Der Regen prasselte auf die Menge nieder.
Gleich hinter dem Werkstor entdeckte er ein Toilettenhäuschen und ging schnurstracks darauf zu. Er konnte keine Rede mit Druck auf der Blase halten. Die beiden SS-Männer postierten sich links und rechts vor dem Häuschen, während die übrigen Gefolgsleute im Regen warteten.
Als er wieder hinaustrat, hatte der Regen nachgelassen. Nur wenige Schritte trennten ihn noch von der großen Halle, in der die Präsentation stattfinden sollte. Über dem gewölbten Glasdach stand ein doppelter Regenbogen und spiegelte sich tausendfach in den Fenstern. Er konnte dem Naturschauspiel nichts abgewinnen und dachte sofort wieder an den schimmernden Käfer in seiner Tasche und an Strahlenwaffen. Mit tiefem Groll betrat er die Halle. Es war kalt an diesem 7. November 1944.
2
Die Luft in der Halle vibrierte vor Anspannung. Der Lärm schwoll von Minute zu Minute an und hallte im gewaltigen Glaskonstrukt wider.
Dann gingen die Scheinwerfer über der Bühne aus. Durch die schmutzigen, vergilbten Fabrikfenster fiel nur noch spärliches Licht. Es wurde still. Das Blitzlicht eines Reporters zuckte zweimal auf. Dunkle Schatten huschten über die Bühne.
Fast eine Minute blieb es dunkel. Dann schepperten aus den Lautsprechertürmen links und rechts neben der Bühne die Fanfaren von Wagners »Walkürenritt«. Im selben Moment explodierte die Halle in Licht. Geblendet hielten sich die Zuschauer die Hände vors Gesicht und suchten die Bühne mit den Augen nach der Person ab, derentwegen sie gekommen waren: Adolf Hitler.
Wie aus dem Nichts stand er mitten auf der Bühne im Kegel eines großen Scheinwerfers. Mit ausgestrecktem Arm grüßte er die Menge. Er trug eine Wehrmachtsuniform, darüber einen schwarzen Ledermantel, schwarze Stiefel und eine tief in die Stirn gezogene Schirmkappe, von deren Schild noch der Regen tropfte. Wenige Schritte hinter ihm standen zwei Wachsoldaten mit schwarz glänzenden Helmen und schneidigen SS-Uniformen. Noch weiter hinten saßen die Geschäftsleitung der Fabrik und andere Nazigrößen in einer Reihe.
Ohne ein Wort zu sagen, setzte sich Hitler auf einen der leeren Stühle. Die Musik verstummte. Generaloberst von Rommelsbacher trat ans Rednerpult, klopfte gegen das Mikrofon und begann. Zunächst dankte er dem Führer für sein Kommen und dafür, dass er ihm das Projekt persönlich anvertraut hatte. Dann verlor er sich in Zahlen, Schwierigkeiten und Klagen. Es fehle an Material, an Werkzeugen, an Maschinen, an Stahl und an Arbeitskräften. Vor allem Zwangsarbeiter und Frauen, so jammerte er, leisteten nicht das, was deutsche Facharbeiter leisteten.
Für Hitler war es erbärmlich. Statt das Ergebnis zu preisen, jammerte Rommelsbacher über die Umstände, als stünde kein General am Pult, sondern ein Buchhalter des Elends. Nach allem, was er hörte, glaubte Hitler keine Sekunde mehr daran, heute eine beeindruckende Vergeltungswaffe zu sehen. Nur die beiden Panzer im Dämmerlicht vor der Bühne hielten ein winziges Fünkchen Hoffnung in ihm wach.
Schon beim Betreten des Geländes hatte er die gut zwei Dutzend Fahrzeuge vor der Halle gesehen, ohne zu bemerken, dass es bloße Attrappen waren. Die langen Nächte mit ihren endlosen Lagebesprechungen forderten nun ihren Tribut. Noch während Rommelsbacher redete, zog Hitler die Schirmkappe tiefer ins Gesicht und senkte den Kopf.
Sogleich glitt er wieder in einen Tagtraum. Er sah seine neueste Wunderwaffe vor sich, die Strahlenkanone, und die glühenden Schneisen, die sie in feindliche Schlachtschiffe, Panzer und Bomber fraß. Als aus der Rede noch einmal das Wort »Panzer« zu ihm drang, schob sich das Bild des Tiger II darüber, gewaltig und schwer, mit der brachialen Feuerkraft seiner 8,8-cm-Kanone. In seinem Kopf wurde daraus ein einziges Stakkato aus Stahl, Feuer, Motoren und Einschlägen. Er träumte von zehntausend solcher Maschinen, die die verlorenen Gebiete zurückeroberten und die Feinde an allen Fronten zerschlugen.
Wie ein Kanonenschlag zerriss ein Wort diese Träumerei. „Panzerattrappen“, hallte es aus den Lautsprechern. Schlagartig kehrte der Diktator in die Werkshalle zurück. Keine Wunderwaffe. Keine Vergeltungswaffe. Keine Panzer. Nicht einmal Haubitzen. „Papp-Panzer“, murmelte er verbittert.
Rommelsbacher beendete seine Rede, trat vom Pult zurück und setzte sich. Jetzt sollte der Augenblick kommen, auf den alle gewartet hatten. Nicht für Zahlen waren sie gekommen. Nicht für einen lamentierenden General. Sondern für ihn.
Hitler erhob sich und trat langsam in den Lichtkegel am Rednerpult. Hunderte Augenpaare folgten ihm. Erst standen die vorderen Reihen auf, dann die dahinter, bis schließlich alle standen. Zunächst zögerlich, dann immer lauter schwollen die Sieg-Heil-Rufe an. Hitler kostete den Augenblick aus, hob dann die Hand und alles verstummte.
Die Menge hielt die Luft an. Vereinzelt trommelten noch dicke Regentropfen auf das Glasdach. Sonst war es gespenstisch still.
Dann endlich beugte er sich zum Mikrofon. Seine Arme hingen schlaff herunter. Er räusperte sich. Ein schrilles Pfeifen der Rückkopplung klirrte durch die Halle. Hitler wartete, bis das Nachhallen verstummte. Ohne jede erkennbare Regung keifte er ins Mikrofon: „Alläs Scheißä!“
3
Hatte Hitler wirklich „Alläs Scheißä!“ geschrien? Diese Frage stellte sich nicht nur mir. Vielleicht hatten die scheppernden Lautsprecher seine Worte verzerrt, vielleicht hatte jemand anderes ins Mikrofon gesprochen. Doch es war ohne Zweifel seine Stimme, mit jener unverkennbaren Aussprache, die jedes Kind kannte.
Im ersten Moment hielt ich es für einen rhetorischen Einstieg und glaubte, er werde gleich mit einer Abrechnung gegen die Feinde des Reichs fortfahren. Auch das Publikum verharrte mucksmäuschenstill und wartete auf die Fortsetzung. Doch nach endlosen Sekunden geschah nichts. Hitler stand noch immer wortlos im Lichtkegel am Rednerpult. Ich blickte mich um. Ratlose Gesichter, fragende Blicke. Dann begann leises Tuscheln durch die Halle zu wandern.
Zu aller Überraschung war Hitler fertig. Wütend stampfte er auf die Planken des Podiums und schritt, ohne noch ein Wort zu sagen, zur Bühnenmitte, dicht gefolgt von den beiden Wachsoldaten. Über die kleine Stahltreppe stieg er vom Podest und ging gebeugt zwischen den Kanonenrohren der beiden Papp-Panzer hindurch zum großen Hallentor. Die Menschen vor der Bühne und im Mittelgang wichen ehrfürchtig zurück. Kein fester Schritt, keine Spannung im Körper, kein Blickkontakt, kein Bad in der Menge. Mit offenen Mündern starrten sie ihm nach. Nicht einmal zum Hitlergruß hoben sie die Hand.
Gleichzeitig brach auf der Bühne Unruhe aus. Einige aus seinem Gefolge blickten dem abziehenden Diktator ratlos hinterher, andere eilten sofort hinter ihm her. General Rommelsbacher schloss als Erster zu ihm auf und versuchte, das Panzerattrappen-Projekt gutzureden. Hitler sah grimmig geradeaus und tat, als höre er ihn nicht. Er hatte genug. Seine Befehle waren eindeutig gewesen: neuartige Waffen, Wunderwaffen, Vergeltungswaffen oder wenigstens Tiger-Panzer aus Stahl.
Stattdessen zweiundzwanzig Papp-Panzer. Panzer ohne Motor, ohne Bewaffnung, leicht wie Spielzeug. Zahnlose Tiger. Für ihn war Rüstung nur dort, wo Stahl war, Feuerkraft und Vernichtung. Alles andere war Betrug.
Trotz der Magen-Darm-Tropfen, die er vor der Veranstaltung genommen hatte, kochte ihm die Galle hoch. Das saure Gebräu stieg ihm mit jedem Schritt die Kehle hinauf, und er schluckte es verbittert wieder hinunter. Rommelsbachers unablässiges Gerede verschlimmerte den Groll nur noch.
Dann hob Hitler kurz den Blick, um sich zu orientieren, und blieb abrupt an etwas in der Menge hängen. Ein verwundeter SS-Mann. Groß, athletisch, blond, mit markantem Kinn — genau jenes soldatische Ideal, das für Härte, Opferbereitschaft und Überlegenheit stand. Für Hitler waren solche Soldaten die letzten Helden dieses Krieges.
Ich stand regungslos vor meinem Stuhl, als ich bemerkte, dass der wütende Führer direkt auf mich zuhielt. Mit jedem Schritt, den er näher kam, wuchs meine Nervosität. Unwillkürlich zitterten meine Beine zwischen den Krücken. Am liebsten hätte ich mein Gesicht unter der tief ins Gesicht gezogenen Schirmkappe verborgen und gehofft, er würde einfach an mir vorbeigehen. Kurz vor meinem Platz hob er die Hand. Sofort blieb das ganze Gefolge hinter ihm stehen. Rommelsbachers Beschwichtigungen verstummten.
Dann ging Hitler langsam auf mich zu. Nur die beiden Wachsoldaten folgten ihm noch, mit zwei Schritten Abstand. In der großen Halle wurde es gespenstisch still. Alle Augen waren auf ihn und auf mich gerichtet. Er hob den Kopf und sah mir mit seinen hellen Augen direkt ins Gesicht. Starr vor Schreck hielt ich seinem Blick stand, ohne auch nur mit der Wimper zu zucken. Mir war vor Aufregung zu schlecht, um ein Wort hervorzubringen.
Er legte mir die rechte Hand auf die Schulter und tippte mit der linken gegen das goldene Verwundetenabzeichen auf meiner Brusttasche. Er holte Luft, als wolle er etwas sagen. Doch er presste die Lippen zusammen. Seine Augen wanderten zum Hallendach, das leicht zu vibrieren begann. Das Zittern wurde stärker. Dazu kamen fernes Poltern und Dröhnen. Ein weiteres Gewitter? Noch eben hatte die Sonne durch die verschmierten Scheiben geschienen, die nun grässlich klirrten. Sofort ging eine Unruhe durch die Menge. Jeder wusste: Das war kein nahendes Gewitter.
4
Die Sirenen heulten auf. Luftangriff. Ein Mann stürzte in die Halle und schrie: „Tiefflieger!“
Gleich darauf dröhnten die Flugzeugmotoren, dann ratterten Maschinengewehre. Der erste Jäger strich seitlich an der Halle vorbei. Durch die schmierigen Scheiben waren nur die Schemen der Maschine zu erkennen. Für einen Moment schien allen der Atem zu stocken. Dann ging alles blitzschnell. Das Dröhnen brach ab, und plötzlich war es wieder still. Nur aus der Ferne kamen dumpfe Explosionen. Dann brach Panik aus. Schreie, Gedränge, ein heilloses Durcheinander. Alle drängten zu den offenen Toren, hinaus aus der Halle, hinaus aus der Todeszone, bevor der nächste Angriff kam.
Das Dröhnen kehrte zurück, diesmal aus der anderen Richtung. Schon schlugen die ersten Geschosse durch das schmutzige Glasdach. Mit einem Mal prasselten tausende Splitter wie ein glitzernder Regen auf die fliehende Menge herab. Durch die geborstenen Scheiben sah ich das Mündungsfeuer der Bordwaffen. Zwei Reihen von Geschossen rasten, nur wenige Meter voneinander entfernt, genau mittig durch die Halle. Wie in Zeitlupe sah ich die Salven auf Hitler und mich zuschießen. Er stand mit dem Rücken zum Angriff und rührte sich nicht. Funken sprühten, als die Geschosse in den Beton schlugen.
General Rommelsbacher schrie etwas, das ich im Lärm nicht verstand. Im selben Augenblick warf er sich mit einigen anderen bäuchlings auf den Boden und legte die Hände über den Kopf. Ich wollte es ihm gleichtun, doch die beiden Wachsoldaten warfen ihre Arme links und rechts über meine Schultern, um zu dritt einen menschlichen Schutzschild für Hitler zu bilden.
Hitler dagegen rührte sich keinen Millimeter. Die Fingernägel seiner ausgemergelten Hand bohrten sich tief in meine Schulter, als wolle er mich mit ins Verderben ziehen — oder hielt er sich aus Angst an mir fest? Sein Gesicht aber zeigte keine Panik. Im Gegenteil: Er atmete tief und gleichmäßig, als geschehe all das um ihn herum nicht wirklich.
Nur knapp zischten die Geschosse an Hitler, den beiden Soldaten und mir vorbei. Dort, wo die Salven das Dach durchschlagen hatten, blieben Tote und Verwundete zurück. Alle anderen rannten um ihr Leben.
Der Angriff war noch nicht vorüber. In der Ferne hörte man weitere Tiefflieger. Jetzt wurden auch die beiden Wachsoldaten hektisch. Die Halle war fast leer, als mich einer der Soldaten am Arm packte und mir ins Ohr schrie: „Wo ist der nächste Bunker?“
5
Durch den Schrei des Wachsoldaten erwachte Hitler aus seiner Lethargie. „Die Vorsehung!“, sagte er unaufgeregt und blickte zum aufgerissenen Hallendach.
Jetzt packte auch mich die Panik. Ich erinnerte mich an den kleinen Behelfsbunker, der vom Büro des Werkleiters abging, riss Hitlers Hand von meiner Schulter und stürmte mit meinen Krücken los wie ein von Jagdhunden gehetzter Hase mit nur drei Pfoten. Als ich das Arbeitszimmer erreichte und mich umdrehte, zogen die Soldaten den Führer am Ärmel hinter sich her, als schleppten sie ein bockiges Kind.
Ich machte auf dem Absatz kehrt, riss die Tür zum Büro auf und trat hinein, dicht gefolgt von den Soldaten und Hitler.
Am Kopfende des Raums führten neben ein paar Regalen und Stühlen fünf Stufen hinab zu einer schweren grünen Eisentür. Darauf stand: »Luftschutzraum«. Geradewegs hinkte ich darauf zu. Kurz vor der Tür zog mich einer der Wachsoldaten zur Seite, warf den Riegel um, öffnete den Bunker und trat als Erster ein. Dann folgte Hitler, dann der zweite Wachsoldat, zuletzt ich.
Der fensterlose Raum maß vielleicht fünfzehn Quadratmeter und war so niedrig, dass man besser gleich gebückt blieb oder sich auf eine der beiden Holzbänke an den Wänden setzte. Es war feucht, stickig und warm. Hinter einer Bretterwand stand eine Toilette, aus der fauliger Geruch aufstieg. Von den weiß getünchten Wänden blätterte die Farbe, überall liefen Rohre und Leitungen entlang. In einem Metallkasten steckte eine rostige Handkurbel für die manuelle Belüftung.
Aus der noch offenen Tür fiel nur spärliches Licht. Der Diktator blieb gebückt stehen und sah sich um. Die Hast des Weges war ihm anzumerken; ich roch seinen heftigen, schlechten Atem. Dann befahl er den Soldaten, die Tür zu verriegeln und sich zu setzen.
Die Bänke waren viel zu niedrig, als gehörten sie in ein Puppenzimmer. Wegen meiner Größe konnte ich nur mit spitz aufragenden Knien und zusammengekauert sitzen. Einer der Wachsoldaten schloss erst die äußere, dann noch eine zweite Tür, die im Fall eines Giftgasangriffs zusätzlichen Schutz geben sollte. Danach war es vollkommen dunkel. Er tastete an der Wand nach dem Lichtschalter, fand ihn schließlich und drückte ihn. Nichts geschah.
„Stromausfall. Wahrscheinlich wegen des Angriffs“, sagte er und setzte sich im Dunkeln auf die Bank.
Langsam ließ die Aufregung nach. Auch Hitler, der mir gegenübersaß, schnaufte inzwischen ruhiger. Von draußen drangen dumpfes Bordwaffenfeuer, das Schlagen der Flak und das grelle Heulen der Sirenen in den Schutzraum.
Dann tönte Hitlers unleidige Stimme aus der Dunkelheit. „Was ist mit Rommelsbacher?“
„Ich glaube, Generaloberst von Rommelsbacher hat es erwischt, mein Führer“, antwortete einer der Wachsoldaten.
Hitler zog die Nase hoch und grunzte in die Finsternis. „Er hat es verdient, dieser Blindgänger.“
6
Ohne mein Eingreifen hätte der nächste Angriff Hitler womöglich das Leben gekostet. Doch ausgerechnet dieses Handeln hatte mich an einen Ort gebracht, den ich wenige Minuten zuvor noch um jeden Preis hatte vermeiden wollen: in einen engen, düsteren Bunker, eingeschlossen mit dem Führer und seiner Leibgarde. Während ich noch versuchte, diesen bitteren Widerspruch zu begreifen, rissen mich zwei dumpfe Schläge aus meinen Gedanken.
„Was war das?“, fragte Hitler, ohne besonders beunruhigt zu wirken. Im Dunkeln luden die beiden Wachsoldaten ihre Gewehre durch. Zunächst antwortete niemand. Dann drang von draußen das Knattern eines Aggregats herein, und im selben Augenblick flackerte die Bunkerlampe an der Wand auf wie ein fernes Wetterleuchten. „Fehlzündungen“, sagte einer der Wachsoldaten erleichtert. „Das Notstromaggregat vor dem Gebäude.“ Das schwache Licht reichte gerade aus, um die Umrisse der Menschen im Raum sichtbar zu machen.
Wenig später nahm Hitler die Schirmmütze ab, legte sie auf den Schoß und sah mich lange schweigend an. Schon in der Halle war er vor mir stehen geblieben; nun begann dieses prüfende Betrachten von Neuem. Beunruhigt fragte ich mich, ob er sich an unsere erste Begegnung erinnerte, obwohl sie mehr als ein Jahrzehnt zurücklag. Damals war ich ihm in Bayreuth begegnet, später hatte er mich sogar einmal in meiner Garderobe aufgesucht. Für mich war das unvergesslich gewesen, für ihn gewiss nicht. Und doch blieb die Frage, warum ich seine Aufmerksamkeit erneut geweckt hatte.
Kurz vor dem Fliegerangriff hatte er auf mein Verwundetenabzeichen geklopft. Das Abzeichen, die Wehrunfähigkeitsbescheinigung und die Krücken hielten meine Fassade als Kriegsversehrter notdürftig aufrecht. Wenn aber gerade diese Fassade sein Interesse geweckt hatte, konnte sie jederzeit zusammenbrechen. Am liebsten wäre ich mit einem einzigen Schritt aus dem Raum und hinaus ins Freie entkommen. Stattdessen klammerte ich mich an den Gedanken, er wolle mir vielleicht danken. Schließlich hatte ich ihn in den Bunker geführt und ihm womöglich das Leben gerettet. Trotzdem vermied ich seinen Blick, sah zu Boden und hoffte, der Angriff möge endlich enden.
Minutenlang fiel kein Wort. Das matte Licht der Lampe pulsierte im Takt des Dröhnens der Flak, die draußen unablässig auf die Tiefflieger feuerte. Der Wachsoldat mir gegenüber verstärkte das noch, indem er mit dem Stiefel im Takt wippte und die Fingernägel rhythmisch auf das Holz der Bank trommelte. Alle schienen in eine dumpfe Lethargie versunken.
Der andere Wachsoldat vertrieb sich die Zeit, indem er helle Fussel von seinem dunklen Mantel zupfte. Hitler hatte inzwischen die Augen geschlossen und döste vor sich hin.
Nun betrachtete ich den Reichskanzler genauer. Dabei fielen mir seine zitternde linke Hand und der pulsierende Daumen auf. Er versuchte beides zu verbergen, indem er die linke mit der rechten umklammerte. Die Symptome kamen mir sofort bekannt vor. Ich hatte sie bei meinem Großvater gesehen: zuerst der Daumen, dann der Arm; später die leiser werdende Stimme, die Gereiztheit, die plötzlichen Wutausbrüche. Für mich stand fest, dass Hitler an derselben Krankheit litt. Parkinson.
7
Der sichtlich entspannte Hitler schien sich vom Fliegerangriff nicht im Geringsten beunruhigen zu lassen und schlief, bis jemand energisch an der ersten Bunkertür zerrte und sie quietschend öffnete. Die zweite, innere Tür ließ sich von außen nicht öffnen. Nun drangen Klopfen und die dumpfen Rufe eines Mannes durch das Metall.
„Aufmachen, lasst mich rein!“ Ohne eine Antwort abzuwarten, schimpfte er weiter: „Aufmachen, das ist ein Befehl!“
Zunächst rührte sich im Bunker niemand.
„Das ist General Rommelsbacher“, rief einer der Wachsoldaten. Dann schrie er nach draußen: „Generaloberst Rommelsbacher, Geduld, wir öffnen Ihnen von innen!“
„Nicht!“, befahl Hitler.
„Nicht?“, fragte der Soldat verwundert, während er den Riegel schon mit beiden Händen umklammert hielt.
„Ich dachte, der Verräter sei tot? Der Schwachkopf kommt hier nicht rein“, raunte Hitler. Nach einer kurzen Pause fügte er hinzu: „Obwohl — der feine Herr benötigt noch eine Lektion in Sachen Waffen.“ Dann gab er dem Soldaten doch ein Zeichen, die Tür zu öffnen.
Keuchend kroch der General in den Bunker. Als er seinen obersten Chef im Raum erblickte, fuhr er zusammen. „Mein Führer, Sie leben …“
Hitler unterbrach ihn sofort, indem er ihm die Hand auf den Mund schlug. „Rommelsbacher, am besten halten Sie den Mund. Ich möchte von Ihnen nichts mehr hören. Nichts.“
Sogleich verstummte der Generaloberst. Er sah müde und erschöpft aus, die Augen leer. Seine Uniform war von einer Staubschicht überzogen, am rechten Ärmel klebte Blut, die Hose war am Saum eingerissen, und an seinem Kopf klaffte eine Platzwunde. Zittrig verschmierte er mit dem Taschentuch Blut und Schweiß auf der Stirn. Nachdem er sich etwas gefasst hatte, setzte er doch wieder an: „Mein Befehl lautete, mit den zur Verfügung stehenden Ressourcen so viel Kriegsmaterial herzustellen wie möglich, und verstehen Sie doch, ich …“
Hitler schnitt ihm erneut das Wort ab und richtete sich auf. „Sie verstehen überhaupt nichts, Rommelsbacher! Was Sie mir hier auftischen, ist geistiger Durchfall: Papp-Panzer, Spielzeug, Kinderkram. Ich will Panzer, richtige Panzer — aus Kruppstahl, gespickt mit der neuesten deutschen Militärtechnik!“ Seine Stimme schwoll an. „Am liebsten würde ich Sie wieder dahin schicken, wo Sie gerade herkommen.“
Rommelsbacher unternahm einen weiteren Versuch, ihn zu besänftigen. „Mein Führer, bei allem Respekt: Nicht nur der Mangel an Material bereitete Probleme, sondern auch die unausgebildeten Zwangsarbeiter und die unbrauchbaren Maschinen für die Farbenherstellung. Es fehlt an allem. Wie hätte ich unter solchen Umständen richtige Panzer bauen sollen?“
„Der Herr General wiederholt sich“, blökte Hitler. „Den Quark mit den Ressourcen haben Sie in der Halle schon von sich gegeben. Man braucht keine großen Ressourcen, um Waffen, Wunderwaffen oder Strahlenwaffen zu entwickeln.“
„Ich verstehe nicht, mein Führer“, sagte der General kraftlos.
Hitler zog entnervt den mit der Lupe verbrannten Käfer aus dem Mantel und legte ihn auf seine offene Hand. „Wenn eine Panzerung so vollkommen ist wie der Panzer dieses Käfers hier“, sagte er und hielt das tote Insekt für alle sichtbar hoch, „dann braucht es eben eine andere Strategie, statt immer nur nach mehr Ressourcen zu rufen.“
Rommelsbacher starrte ihn verständnislos an. „Ein Käfer? Ohne Ressourcen? Ich verstehe nichts von Käfern, und von Strahlenwaffen habe ich noch nie gehört“, murmelte er.
„Ich werde gleich zum Hirsch.“ Hitler hielt ihm den Käfer mit den Fingern direkt vor die Augen. „Schauen Sie hin, Rommelsbacher. Ändern Sie Ihren Blickwinkel, dann verstehen Sie es.“ Er zeigte auf die versengte Stelle im Panzer. „Dieses Loch hat dem Käfer den Garaus gemacht. Die Frage ist nicht, wo die Schwachstelle seines Panzers liegt, sondern welche Waffe ihn durchdrungen hat.“
Schließlich warf Rommelsbacher nur einen flüchtigen Blick auf das Insekt. „Durch eine Strahlenwaffe?“, flüsterte er mit dünner Stimme.
„Na endlich. Einen Tusch für Herrn General Rommelsbacher“, höhnte Hitler. Er verzog sein Gesicht zu einem giftigen Lächeln.
„Ach so, langsam begreife ich, aber braucht man dafür nicht auch Res…“
Hitler schnitt ihm das Wort ab. „Ressourcen? Überhaupt nichts begreifen Sie“, kreischte er heiser. „Nein — weil es hierfür keinerlei Ressourcen braucht. In der Einfachheit liegt die Wahrheit.“
Er schleuderte das Vergrößerungsglas auf den Steinboden. Das Glas zerbarst.
„Das ist die Strahlenwaffe. So, Rommelsbacher, und jetzt sagen Sie mir: Sind das irgendwelche außergewöhnlichen Materialien? Oder, wie der Herr General sagen würde: Ressourcen.“
„Natürlich nicht, mein Führer“, antwortete Rommelsbacher.
Hitler hob den Finger, legte den Kopf schief und brachte sein Gesicht ganz nah an das des Generalobersts. „Aha. Und warum faseln Sie dann die ganze Zeit davon? Für diese Strahlenwaffe braucht es nur ein Vergrößerungsglas, etwas Licht und meinen überlegenen Intellekt.“
Rommelsbacher hielt den Blickkontakt nur kurz aus und sah wieder zu Boden.
„Natürlich, den Blickwinkel …“, murmelte er.
„Ja, Blickwinkel ändern!“, schrie Hitler, Speichel spritzte ihm aus dem Mund. „Sie sind nicht nur ein Dieb an Ressourcen, sondern auch ein Räuber meiner Zeit. Ich kann Sie nicht mehr gebrauchen.“ Dann wandte er sich an einen der Wachsoldaten. „Erschießen Sie Rommelsbacher. Sofort.“
Rommelsbacher wusste im ersten Moment gar nicht, wie ihm geschah. Er riss die Augen auf, lachte erst irritiert, dann schüttelte er ungläubig den Kopf und vergrub das Gesicht in den Händen. Mir stockte der Atem; auch die Wachsoldaten schauten Hitler entsetzt an und hielten den Befehl zunächst für einen matten Scherz.
„Das ist ein Befehl“, bekräftigte Hitler.
Ein Augenblick verstrich. Dann brach er in höhnisches Gelächter aus, schlug sich mit beiden Händen auf die Schenkel und jauchzte: „Das war ein Scherz.“
Es dauerte einen Moment, bis Rommelsbacher wieder Worte fand. „Ein sehr makabrer, mein Führer …“
So plötzlich Hitler über seinen eigenen Witz lachte, so schnell erstarrte sein Gesicht wieder zur Maske. „Sie haben doch damit angefangen. Sie, von Rummelsbacher.“
Der General saß zusammengesunken auf der Holzbank. Hitler sah nun deutlich, dass sein General ihm nicht mehr folgen konnte. Er brauchte ein neues Opfer. Mit schief gelegtem Kopf und zu einer Grimasse verzogenem Gesicht funkelte er den Wachsoldaten ihm gegenüber an. „Und was ist mit Ihnen? Was halten Sie von dem ressourcensparenden Rüstungsprojekt des Herrn Generaloberst von Rommelsbacher?“
Der Wachsoldat schien im Gegensatz zu Rommelsbacher kein bisschen verunsichert. „Mein Führer, ich diene nur Ihnen und bin zu Ihrem Schutz abkommandiert.“
Hitler legte die Stirn in Falten, schielte nach links und rechts und stellte die Frage mit zusammengebissenen Zähnen erneut. „Ihre Antwort beantwortet meine Frage nicht, Soldat. Also noch einmal: Was halten Sie vom Standpunkt unseres Generalobersts?“
Wie eine Aufziehpuppe wiederholte der Soldat wortwörtlich seinen zuvor aufgesagten Satz. Dann ergänzte er: „Ich bin SS-Wachsoldat der Leibstandarte Adolf Hitler. Ich besitze keinerlei strategische Ausbildung.“
Hitler winkte ab und schüttelte kleinmütig den Kopf. Der einfache Soldat taugte nicht als Ziel seines Zorns.
Ich sah mich schon als Nächsten in der Reihe. Mein höherer Rang setzte eine militärische und strategische Ausbildung voraus — doch genau die fehlte mir. Von militärischen Belangen hatte ich keinen blassen Schimmer. Für alle Anwesenden, Hitler eingeschlossen, war es selbstverständlich, dass ich als Waffen-SS-Obersturmführer über diese Fähigkeiten verfügen musste. Sie ahnten nicht, dass ich niemals Mitglied der SS gewesen war, nie im Krieg gedient hatte und meine Invalidität nur ein Vorwand war, um mich dem Fronteinsatz zu entziehen. Noch waren sie ahnungslos. Und Hitlers Blick schielte bereits zu mir herüber.
8
Auf der Stelle begann mein Gehirn, sich auf Hitlers bevorstehende Attacke vorzubereiten. Nun wurde ein militärisches Wissen auf die Probe gestellt, das ich nicht besaß, weil ich nie in der Waffen-SS gedient hatte. Meine Hände wurden feucht, und ich spürte die Angst, mein falscher Aufzug könnte von dem zornigen, ungeduldigen Hitler durchschaut werden. Wie sollte jemand wie ich einen vernünftigen Vorschlag machen, wenn selbst ein erfahrener Generaloberst seinen Erwartungen nicht genügte?
Ich hatte der emotionslosen Rede Rommelsbachers in der großen Halle aufmerksam zugehört. Selbst als Laie konnte ich seinen Gedankengängen folgen. Die Idee, mit Attrappen den Feind in die Irre zu führen und dann an entscheidender Stelle mit echter Militärtechnik zuzuschlagen, fand ich durchaus bestechend. Umso schwerer fiel es mir zu begreifen, weshalb Hitler sich dieser Taktik so entschieden verweigerte. Doch dann erkannte ich den eigentlichen Fehler in Rommelsbachers Ausführungen. Er erklärte zwar den Zweck der Panzerattrappen, versäumte es aber, seiner trockenen, mit Zahlen und Statistiken überfrachteten Rede einen Höhepunkt zu geben. Dazu kam sein ständiges Jammern über den Mangel an Ressourcen, an dem Hitler sich regelrecht festbiss.
Ich erkannte, wonach er lechzte: nach den sagenumwobenen Wunderwaffen, der letzten Hoffnung auf den Endsieg. Ich musste also einen anderen Zugang wählen als Rommelsbacher — Hitler nicht mit Klagen begegnen, sondern mit Zuversicht, Pathos und Verheißung.
Gleichzeitig musste ich mein fehlendes militärisches Wissen überspielen. Spielen — das war das Schlüsselwort. Schauspielen. Improvisieren. Darin lag meine Stärke als ehemaliger Schauspieler. Hitler selbst lieferte mir den Anstoß: Er verlangte nach Wunderwaffen. Und Wunder geschehen in Märchen und Sagen.
Hitler richtete den Zeigefinger auf mich und hoffte auf eine erfrischende Antwort. Mit belegter Stimme fragte er: „Und Sie, Soldat?“
Ich wartete einige Sekunden, obwohl ich schon meine Antwort zurechtgelegt hatte. „Ich würde meinen Blickwinkel ändern, mein Führer“, sagte ich.
Ein knappes, verschlossenes Lächeln glitt über Hitlers Gesicht: „Haben Sie das mit dem Blickwinkel gesagt, weil ich es hören wollte, oder weil Sie darüber nachgedacht haben, Obersturmführer?“
„Weil ich darüber nachgedacht habe, mein Führer.“
Hitler gewann sofort wieder an Spannung und feixte mit heiserer, kratziger Stimme: „Aha. Der nächste ergötzliche Versuch meiner Führungsriege. Obersturmführer — und welcher andere Blickwinkel schwebt Ihnen so vor? Rommelsbacher, hören Sie gut zu. Vielleicht hat Ihnen dieser Soldat einiges voraus.“
„Ich ändere meinen Blickwinkel, indem ich die Frage andersherum stelle.“ Dann schwieg ich einige Sekunden und beobachtete Hitlers Reaktion. Er schmatzte, fuhr sich mit der Zunge über die Lippen und wirkte bereit, mir jederzeit ins Wort zu fallen, meine Gedankensprünge höhnisch zu zerschlagen und die nächste Demütigungssalve auf mich abzufeuern.
„Indem ich mich nicht frage, welche Waffe diesen Käferpanzer durchdringen kann“ — ich hob das zerbrochene Vergrößerungsglas vom Betonboden auf und hielt es hoch — „sondern wie sich der Käfer gegen diese Wunderwaffe verteidigen könnte.“
Rommelsbacher richtete sich auf. Die beiden Wachsoldaten sahen mich ebenso neugierig an wie Hitler, der sich zum ersten Mal seit mehreren Minuten beherrschte, nicht sofort dazwischenzufahren. Nur ein einziges, mürrisches Wort warf er in den Raum: „Wie?“
Vier gespannte Augenpaare richteten sich auf mich. „Ich ziehe die List des Siegfried aus der Nibelungensage heran …“
Hitler fixierte mich. Mit den Schlüsselwörtern Nibelungen und Siegfried hatte ich sein Interesse gewonnen. Er strich sich nachdenklich über den Schnurrbart und schien noch nicht sicher zu sein, ob er mir Flötentöne beibringen oder seine volle Aufmerksamkeit schenken sollte. Ich wusste, dass er selbst auf die Lösung kommen musste, damit er sie als seine eigene annehmen konnte. Darum stellte ich die nächste Frage offen in den Raum: „Mit welcher List gelingt es Siegfried, die unbesiegbare Brünhild zu bezwingen, damit sie Gunthers Frau wird?“
Ein kurzer Augenblick verstrich. Angespannt erwartete ich allein vom Opernkenner Adolf Hitler eine Antwort.
„Indem er seine Tarnkappe benutzt“, sagte Hitler und richtete seinen Blick zu Boden, „um unbemerkt in das Schlafzimmer der scheinbar unbesiegbaren Brünhild zu gelangen.“
Zunächst herrschte nachdenkliche Stille. Dann unterbrach Hitler sie selbst, blickte mir wieder in die Augen. „Sie machen den Käfer zu Siegfried — unsichtbar und damit selbst zur Wunderwaffe.“ Seine Stimme klang wieder normal, frei von Überheblichkeit und sarkastischem Unterton.
„Richtig.“
Hitler rieb sich den Bart. „Aber wie? Wie wird das Insekt unsichtbar? Wie machen Sie Panzer unsichtbar?“ Sein vorgebeugter Oberkörper richtete sich langsam auf, er schob die Schirmmütze in den Nacken, und mit ausgestrecktem Zeigefinger wippte er leicht in der Luft, als könne ihm das auf die Sprünge helfen.
„Mit Spiegeln“, war meine schlichte Antwort. Hitlers Zeigefinger hielt in der Luft inne. Dann fuhr ich fort: „Mit Spiegeln verkleidete Panzer würden ihre Umgebung reflektieren und für den Feind unsichtbar werden — eine perfekte Tarnung.“
Ich orientierte mich dabei an meiner Zeit als Darsteller bei den Wagner-Festspielen in Bayreuth. Damals benutzten wir für Siegfrieds Tarnumhang einen mit Spiegeln besetzten Mantel. Warf sich der Darsteller diesen um, wurde er auf der Bühne für das Publikum beinahe unsichtbar. Es dauerte einen Augenblick, dann sah Hitler mich erstaunt an. „Sie bedienen sich der Nibelungen-Mythologie. Ein genialer Gedanke, Obersturmführer.“
Die Wunderwaffen, die Hitler sich eben noch im Zug ausgemalt hatte, tanzten nun in seinem Kopf Ringelreihen. Noch schöner für ihn war, dass sein imaginäres Waffenarsenal eben Zuwachs bekommen hatte. Mit einem Satz sprang er von der Holzbank auf. „Tarnkappenpanzer, Tarnkappen-U-Boote und Tarnkappenbomber.“ Hitlers Augen glänzten.
Wie schon gut eine Stunde zuvor baute er sich in Windeseile neue Luftschlösser und ließ seinen Gedanken freien Lauf. „U-Boote, überzogen mit einer speziellen Legierung, die Echolot und Radarstrahlen des Feindes absorbiert. Bomber, die unsichtbar werden, weil …“ Er presste die Lippen zusammen und gab sich sogleich selbst die Antwort: „… weil sie mit einem Düsenantrieb schneller fliegen, als das menschliche Auge sie erfassen kann, schneller als das Abwehrfeuer der feindlichen Geschütze.“
Er klatschte in die Hände und lief zu euphorischer Höchstform auf. „Rommelsbacher, sehen Sie, so einfach ist das Ganze. Der Mann hier ändert seinen Blickwinkel, lässt sich von Siegfrieds List inspirieren, und fertig ist die Wunderwaffe.“
Hitler tippte auf das Eiserne Kreuz seines Generals. „Wenn ich den Herrn General schon nicht erschießen lasse, soll der Versager auch keine Anerkennung verdienen.“ Dann riss er ihm den Orden von der Uniform und steckte ihn mir an. „Männer wie Sie, mit Visionen von Wunderwaffen, braucht das Land“, sagte er. Strahlend tippte er auf mein Verwundetenabzeichen. „Dank Ihrer Ruhe und weil die Vorsehung es so wollte, sitze ich noch lebend hier.“ Überwältigt blickte ich auf den Orden an meiner Brust.
„Aber Ihr Gesicht und Ihre Auffassungsgabe kenne ich doch irgendwoher. Schon in der Halle hatte ich dieses Gefühl.“
Ich hatte mich getäuscht — offensichtlich hatte er mich doch wiedererkannt. Angestrengt forschte er in seinem Gedächtnis nach mir. Nach einer Weile zupfte er mit den Fingerspitzen an den Bartspitzen, als versuche er, die Blockade wortwörtlich aus der Nase zu ziehen.
„Ja, mein Führer, wir sind uns schon einmal begegnet“, antwortete ich, ohne gleich unser erstes Zusammentreffen in Bayreuth zu erwähnen. Hitler rieb sich nachdenklich das Kinn. „Wo war das?“
Noch bevor ich antworten konnte, schnippte er mit den Fingern und sagte wie aus der Pistole geschossen: „Ihr fundamentales Wissen über Wagner hat Sie verraten. Jetzt kann ich Sie einordnen. Die Wagner-Festspiele in Bayreuth, 1934. Sie standen auf der Bühne, nicht wahr?“
Erstaunt rechnete ich im Kopf nach, um ihn zu korrigieren. „Es war in Bayreuth 1931 und 1933, im »Ring des Nibelungen«“, sagte ich.
„Ja, ja, ja, richtig!“, rief Hitler. „Ich entsinne mich. Sie trugen damals lange, wallende blonde Haare und verkörperten Siegfried. Ihr Auftritt war bemerkenswert, und wenn ich das bemerken darf: die ganze Aufführung war, wie immer, grandios.“
Seine Augen schienen mein Gesicht förmlich abzutasten, als wolle er die Erinnerung an jenen Moment in Bayreuth noch einmal in sich aufnehmen. Dann griff er tiefer in die Vergangenheit und plauderte gelöst über seine schönsten Tage bei den Wagner-Festspielen.
Er fragte mich dies und das, lächelte, wenn er eine schöne Erinnerung zu fassen bekam, und erzählte mit sichtlicher Freude davon. Noch begeisterter aber hörte er zu, als ich ihm aus der Perspektive des Sängers und Darstellers von jenen Momenten auf der Bühne berichtete. Verträumt glitt Hitler in eine andere Welt ab, in der der Ärger über das missglückte Rüstungsprojekt ebenso verblasste wie die Frage nach meiner falschen Invalidität. Für einen Augenblick ging alles andere in dieser Erinnerung unter.
9
Hitlers schöne Erinnerungen an Bayreuth verpufften abrupt, als einer der Wachsoldaten unser Gespräch mit einer hektischen Bewegung unterbrach. Er deutete nach oben: Der Luftangriff ging in die nächste Phase. Nun flogen große Bomberverbände über die Fabrik und warfen ihre tödliche Fracht ab.
Hitler hob die Hand. Für einen kurzen Moment hielten alle im Bunker still. Die Bombenteppiche der Flieger überzogen das ganze Areal und übertönten das dumpfe Knattern der Maschinengewehre und Bordgeschütze der Tiefflieger. Mit jedem näherkommenden Einschlag zitterten die Wände des Bunkers.
„Wo ist überhaupt die Luftwaffe?“, schrie Hitler plötzlich. Seine Stimmung kippte. „Rommelsbacher, Sie sind für das Projekt und für meine Sicherheit verantwortlich. Schon wieder haben Sie versagt.“
Rommelsbacher hob den Finger. „Mein Führer, die Bombeneinschläge kommen immer näher. Ich bezweifle, dass der Bunker einem direkten Treffer standhält. Vielleicht sollten wir das Gelände verlassen und woanders Schutz suchen.“
Wie hypnotisiert starrte Hitler seinen General an. „Wollen Sie schon wieder davonlaufen, wie eben in der Halle, Rommelsbacher?“
Die Worte waren noch nicht verhallt, da erfüllte ein ohrenbetäubender Donnerschlag den kleinen Raum. Im gleichen Moment spürte ich einen unermesslichen Druck auf den Ohren, als müssten sie platzen. Eine dicke Staubwolke vernebelte augenblicklich den gesamten Raum.
Millionen feiner Staubpartikel verklebten mit jedem keuchenden Atemzug meine Atemwege. Ein trockener, bellender Husten überkam mich, doch mit jedem Hustenstoß zog ich noch mehr Staub in die Bronchien, als ich abhusten konnte. Meine Augen verklebten, und mit jedem Lidschlag rieb der trockene Staub wie Sandpapier über die Lider. Die Posaunen aus der »Götterdämmerung« von Richard Wagner erklangen in meinem Kopf. Mir wurde schwarz vor Augen, und mit dem letzten Paukenschlag verlor ich das Bewusstsein.
Als ich wieder zu mir kam, wusste ich nicht, wie lange ich bewusstlos im Bunker gelegen hatte, und konnte mich zunächst an nichts erinnern. Mein Kopf brummte. Die Glieder schmerzten. Ich lag auf dem Rücken und hatte Schwierigkeiten, meine verklebten Augen zu öffnen.
Ich atmete ein Gemisch aus Staub und Luft ein, das sich mit meiner Spucke zu einem Brei im Rachen vermengte. Der Staub knirschte zwischen den Zähnen meines zusammengebissenen Kiefers. Mein erster Impuls war, langsam erst die Arme und dann die Beine zu bewegen. Von den Gliedmaßen rieselte eine dicke graue Staubschicht. Erleichtert stellte ich fest, dass nichts gebrochen war.
Langsam richtete ich mich auf und setzte mich auf den staubigen Boden. Sofort überkam mich ein trockener Hustenanfall, der meinen Schädel förmlich platzen ließ. Nachdem ich mich etwas berappelt hatte, sah ich mich um. Allmählich kehrte mein Gedächtnis zurück.
Der kleine Bunker war leer. Meine Krücken lagen im Staub. Ich hob sie auf und ging benommen auf das Licht zu, das durch die offenen Türen fiel. Die kleine Treppe, die hinunter in den Schutzraum führte, war mit Schutt und einer dicken Staubschicht überzogen. Auch im Büro des Werkleiters war der eigentliche Fußboden nicht mehr zu erkennen. Ich stand auf einem Berg aus Steinen, Stahl, Glas und Staub.
Erst jetzt bemerkte ich, dass ich überhaupt nicht mehr in einem Raum stand. Die komplette Decke fehlte. Von den Wänden ragten nur noch bröckelnde Mauerreste auf, die an die Ruinen einer Ritterburg erinnerten.
In diesem Moment liefen vier Männer durch die Überreste der ehemaligen Hallentore auf mich zu. Zwei von ihnen kannte ich: die beiden Wachsoldaten von Hitlers Leibstandarte. Auch ihre einst dunkelgrauen Uniformen waren von einer hellen Staubschicht überzogen. Die Soldaten führten zwei Sanitäter zu mir.
Vorsichtig nahm einer der Helfer meine Hand und prüfte meinen Puls. Nachdem ich versichert hatte, dass mir außer Kopfschmerzen und ein paar Kratzern nichts fehlte, klopften acht Hände Unmengen von Staub aus meiner Uniform. Ich versuchte, mich bei meinen Helfern zu bedanken, brachte aber nur ein trockenes Krächzen hervor. Einer der Männer reichte mir eine Feldflasche. Den ersten schlammigen Schluck spuckte ich sofort wieder aus.
„Was genau ist passiert?“, fragte ich einen der Sanitäter.
„Ein Volltreffer. Sie können zu Gott beten, dass Sie noch hier stehen. Uns wurde befohlen, nach Ihnen zu sehen“, sagte einer der beiden Wachsoldaten.
„Nach mir zu sehen? Von wem?“
„Vom Führer höchstpersönlich.“
Nach der medizinischen Erstversorgung fuhren mich die Sanitäter, begleitet von den beiden Wachsoldaten, direkt bis vor mein Haus. Einer der Soldaten stieg ebenfalls aus dem Wagen und begleitete mich bis zur Haustür. Dort notierte er meine Anschrift.
Fragend sah ich ihn an.
„Befehl vom Führer“, antwortete der Mann in militärischem Ton.
Verwundert blickte ich ihm in die Augen. Er zuckte nur mit den Schultern, wandte sich ab und stieg wieder in den Wagen.
10
Noch am selben Abend hielt Adolf Hitler die Ereignisse des Tages in scharfem Ton fest:
7. November 1944
Meine feigen und inkompetenten Generäle schickten mich heute zu einem unsinnigen Rüstungsprojekt nach Frankfurt. Diese Kleingeister hofften allen Ernstes auf die Absegnung für Papp-Panzer. Papp-Panzer. Jede Silbe meiner vorbereiteten, dann aber nicht gehaltenen Rede wäre reine Verschwendung von Sauerstoff gewesen.
Der Herr Generaloberst von Rommelsbacher schwafelte lang und ermüdend von fehlenden Ressourcen. Ein feiner Adliger aus einer jener preußischen Militärakademien — geschniegelt, eitel und leer im Kopf. Menschen dieser Sorte verstehen weder Politik noch Strategie, reden aber großspurig darüber, als sei ihr eigenes Gerede schon eine Leistung.
Dieser Versager konnte nicht einmal für meine Sicherheit sorgen. Stattdessen lag mein Schutz in den Händen der Vorsehung und eines außergewöhnlichen Obersturmführers, der trotz Kriegsverwundung und Gehhilfen Ruhe bewahrte und Entschlusskraft zeigte. Während diese hochdekorierten Feiglinge wie aufgescheuchte Hühner durcheinanderliefen und im Kugel-Inferno ihr Ende fanden, bewies jener Mann Haltung.
Dieser Obersturmführer verkörpert jene Sorte Soldat, die für den Endsieg unerlässlich ist. Das Bemerkenswerte ist, dass er mich schon vor vielen Jahren in Bayreuth beeindruckte — damals nicht als Soldat, sondern als Künstler, mit seiner Stimme und seiner Bühnenerscheinung. Ganz umsonst war mein Besuch in Frankfurt also nicht.
Als Lichtblick des Tages bleibt mir das Wiedersehen mit diesem bemerkenswerten Mann. Seine außergewöhnliche Denkweise hat meine Fantasie beflügelt und mir, in Anlehnung an Richard Wagner, neue Gedanken zu raffinierteren, besseren und schnelleren Wunderwaffen eingegeben.
Hitler blätterte auf die nächste leere Seite und notierte in knappen Stichpunkten die Einfälle, die ihn entzückten:
- Strahlenkanonen entwickeln, deren unmenschliche Hitze jedes Metall schmelzen lässt.
- Düsenbomber konstruieren, die schneller fliegen als jede alliierte Abwehr reagieren kann.
- Unsichtbare U-Boote und Panzer produzieren.
11
Knapp vier Tage nach der Begegnung mit Adolf Hitler erklärte sich, warum die beiden Wachsoldaten meine Anschrift notiert hatten. Hitler schickte mir ein kleines Päckchen. Neben einem Brief lag ein Buch darin: »Mein Kampf« von Adolf Hitler.
Zwischen den Seiten lugte ein Zettel hervor. Ich schlug die markierte Stelle auf. Auf die erste Innenseite hatte Hitler mit krakeliger Handschrift eine Widmung gesetzt.
Soldat, ich würde mich über ein ehrliches Urteil sehr freuen.
Adolf Hitler.
Dann öffnete ich den beiliegenden Umschlag und las den maschinenschriftlichen Brief. Es war ein Genesungsschreiben auf offiziellem Briefpapier mit Reichsadler und Prägung. Hitler wünschte mir eine rasche Genesung und dankte mir für mein besonnenes Handeln in der Fabrik. Er schrieb, die Vorsehung habe es gewollt, dass ich ihm genau an diesem Tag und zu dieser Stunde das Leben gerettet habe. Zum Schluss dankte er mir noch für die inspirierenden Tarnwaffenideen und grüßte herzlich.
Lange saß ich mit dem Buch und dem Brief am Küchentisch, unfähig, zu entscheiden, ob ich antworten sollte. Im vergangenen Jahrzehnt hatte sich mein Leben bis zur Unkenntlichkeit verdunkelt. Krieg und Verlust hatten alles zerstört, was mir einst Halt gegeben hatte. Und verantwortlich für diese Verwüstung war ausgerechnet der Mann, der mir nun Genesungswünsche schickte: Adolf Hitler.
Er glaubte, in mir einen ehemaligen Opernsänger wiedergefunden zu haben, den er schon vor über zehn Jahren in Bayreuth bewundert hatte und der inzwischen zum SS-Offizier aufgestiegen war. Hätte er geahnt, wer ich wirklich war, hätte er alles darangesetzt, mich zu vernichten. Zu meinem Glück blieb ihm die Wahrheit verborgen.
Trotzdem verfasste ich einige Dankesworte, wie es sich für einen SS-Obersturmführer gehörte. Unauffällig zu bleiben, war meine einzige Devise. Rang und Uniform waren keine Auszeichnung, sondern Tarnung; sie schützten nicht meine Würde, sondern mein Leben. Am nächsten Tag schickte ich den Brief ab. Mehr als Dank schuldete ich ihm nicht.
Wir haben den Befehl, Sie abzuholen
25. Februar 1945 | 21 Uhr
Den ganzen Abend saß ich am Fenster und blickte in den dunkler werdenden Himmel. Ich wartete darauf, dass der Mond aufging und mir sein vertrautes Licht zeigte, in der Hoffnung, darin ein Zeichen von Fritz zu erkennen. Doch auch um ein Uhr nachts war er noch immer nicht erschienen. Schließlich legte ich mich ins Bett. Schlaf würde ich ohnehin nicht finden. Lange wälzte ich mich hin und her. Seit vier Monaten lebten wir in Ungewissheit darüber, wie es unserem Jungen erging.
Am Morgen saß ich mit einem Tee auf der kleinen Eckbank in der Küche, während Irena draußen im Vorgarten die frisch gewaschene Wäsche in die außergewöhnlich milde Februarluft hängte.
Dass ein großes schwarzes Auto vor unserem Haus hielt, bemerkte ich zunächst nicht. Ein ranghoher SS-Mann stieg aus, begleitet von zwei uniformierten Soldaten. Sie gingen schnurstracks in den Vorgarten, wo Irena gerade mit der Wäsche fertig geworden war.
„Wir haben den Befehl, Herrn Hubert Eisenmann abzuholen.“
Irena stockte der Atem. Die Verbindung der Worte Befehl und abholen trug in jener Zeit einen faden Beigeschmack; gerade für unsere Familie standen sie seit jeher für Unheil und Leid. Aus der Küche konnte ich das Gespräch mitverfolgen und sah mich im Geist schon zur Hintertür sprinten. Der gelassene Tonfall dämpfte meine Panik. Wenn Gestapo oder SS wirklich jemanden holen wollten, klopften sie nicht an. Dann brachen sie die Tür auf und zerrten ihr Opfer schreiend hinaus. Dieser Besuch hatte offenbar einen anderen Anlass.
Ich nahm meine Krücken und humpelte zur Haustür. Irena kam mir im Flur mit dem Wäschekorb entgegen. „Da sind Leute für dich. Von der SS“, flüsterte sie mit angstvollen Augen.
„Ich weiß. Mach dir keine Sorgen“, versuchte ich sie zu beruhigen.
Einen der Soldaten erkannte ich wieder, als er die Mütze abnahm und den Hitlergruß zeigte. Es war derselbe Mann, der vor einigen Wochen schon einmal meine Papiere kontrolliert hatte. Auf meine Krücken gestützt, fragte ich den Ranghöchsten der drei: „Bitte schön, was kann ich für Sie tun?“
Der Mann trat einen Schritt vor. „Herr Eisenmann?“
Ich nickte.
„Befehl von ganz oben. Wir sollen Sie abholen.“
Dann erklärte er in auffallend höflichem Ton, der Befehl sei erst am Morgen aus dem Führerhauptquartier gekommen.
„Ihr persönliches Erscheinen ist in Berlin erwünscht, Herr Eisenmann.“
„Von wem? Wann? Und warum?“
„Der Befehl kam direkt aus dem Führerhauptquartier — Geheimsache. Mehr dürfen wir Ihnen nicht sagen. Bitte packen Sie Sachen für ein bis zwei Nächte. Sie werden nach Berlin geflogen.“
„So plötzlich? Und warum hat man mich nicht vorab informiert?“
„Es tut uns leid. Auch wir haben den Befehl erst heute Morgen per Funk erhalten.“
Der andere SS-Mann drängte bereits. Es gebe nur ein kleines Zeitfenster, in dem der Flug durch Luftwaffe und Flugabwehr gesichert sei. Mir blieb keine Zeit zum Nachdenken.
Während die drei Männer vor dem Haus warteten, suchten wir eilig ein paar Sachen zusammen. Meine SS-Uniform hing noch auf der Leine, also packte Irena frische Wäsche und einige Waschutensilien in einen kleinen Rucksack. Ich behielt meinen Straßenanzug an und zog ein frisches weißes Hemd über.
Als der Rucksack verschnürt war, zog Irena mich zur Seite. „Willst du wirklich nach Berlin? Was ist, wenn sie herausgefunden haben, wer du wirklich bist? Dass ich gar nicht deine Cousine, sondern deine Frau bin? Und dann noch fliegen — die Alliierten schießen doch fast alle deutschen Maschinen ab. Erfinde eine Ausrede …“
Ich legte den Arm um ihre Schultern. „Wäre meine Identität aufgeflogen, hätten sie mich hier und jetzt festgenommen. Es ist besser, wenn ich mitgehe. Sonst kommen nur unnötige Fragen auf. Alles verläuft so, wie wir es geplant haben. Mach dir keine Sorgen.“
Mit einem wenig überzeugten Nicken gab sie mir recht. Dann gingen wir wieder zu den Männern, die vor der Haustür warteten.
Ich nahm meine Ausweispapiere von der Kommode, steckte sie in die Innentasche meines Anzugs und folgte den Männern zum Auto. Irena trug meinen Rucksack hinterher und reichte ihn am Gartentor einem der Soldaten, der ihn im Kofferraum verstaute. Besorgt sah sie mich an, als ich mich über den Zaun von ihr verabschiedete.
Ich klopfte ihr auf die Schulter. „Die Pflichterfüllung ruft“, sagte ich und stieg ein.
Auf der Fahrt zum Flugplatz sprach keiner meiner Begleiter ein Wort. Ich grübelte die ganze Zeit, warum ich nach Berlin kommen sollte — und dazu noch per Flugzeug. Am ehesten schien mir noch, dass ich für Hitler singen sollte, so wie früher vor dem Krieg. Er war von meiner Kunst fasziniert. Und doch blieb ein großes Aber: Wenn es nur um einen Auftritt ging, warum dann diese Geheimhaltung und dieser Zeitdruck?
Nach etwa zwanzig Minuten erreichten wir Eschborn bei Frankfurt, einen kleinen provisorischen Militärflugplatz mit Rasenpiste. Von hier stiegen die Jagdflugzeuge auf, die Frankfurt gegen alliierte Bomber schützen sollten.
Der Platz wirkte ausgestorben. Neben einer Blechbaracke, einem zerstörten Hangar und der Piste gab es nichts. Keine Flugzeuge, keine Fahrzeuge, keine Menschen. Nur ein düsterer Schwarm Krähen zog krächzend über den blauen Himmel.
Für einen Augenblick glaubte ich, wir seien am falschen Ort. Auf meinen fragenden Blick zuckten die Männer nur mit den Schultern. Einer von ihnen ging in die Baracke, während ich mit den beiden anderen auf einer Holzbank Platz nahm.
Kurz darauf kam er mit einem kleinen, hageren Mann zurück. Die viel zu großen Hosen flatterten im Wind. Er trug ein grün kariertes Hemd und Hosenträger, unter dem Arm eine braune Decke. Mit roter Pappnase und zu großen Schuhen hätte er im Zirkus auftreten können.
Er erklärte, der Flieger, der mich nach Berlin bringen sollte, befinde sich noch auf einem Überführungsflug von einem Platz bei Mainz. Dann reichte er mir die Decke und sagte, in der Luft werde es kalt werden. Vor Nervosität fragte ich nicht weiter nach.
Kurze Zeit später dröhnte in der Ferne ein Motor. Von Westen her näherte sich die Maschine, zog einen weiten Bogen und setzte dann aus östlicher Richtung zum Landeanflug an. Hüpfend kam sie auf der Rasenpiste herunter und rollte mit laufendem Motor direkt vor die Baracke.
Es war ein doppelsitziges Aufklärungsflugzeug vom Typ Henschel HS 126. Am Rumpf trug die Maschine die Hoheitsabzeichen der Luftwaffe, am Leitwerk das Hakenkreuz. Sie erinnerte an einen Doppeldecker aus dem Ersten Weltkrieg, dem man das untere Flügelpaar abgesägt hatte.
Es schien, als habe die Maschine erst kurz zuvor einen Kampfeinsatz hinter sich gebracht. Der Rumpf war übersät mit Einschusslöchern, die Tragflächen voller Beulen, aus dem Motor quoll weißer Dampf. Der Flieger sah alles andere als vertrauenerweckend aus. Unwillkürlich musste ich an Irenas Warnung denken.
Der kleine Mann eilte mit zwei Holzklötzen zum Flugzeug und blockierte die Räder. Der Motor lief weiter, keuchte, kratzte und produzierte in regelmäßigen Abständen Fehlzündungen, die mich jedes Mal zusammenzucken ließen.
Der Pilot, ein Mann mit Vollbart, Fliegerbrille und Fliegerkappe, öffnete die Kanzel, schob die Brille auf die Stirn und winkte mich grinsend heran.
Noch bevor ich einstieg, drückte mir der glatzköpfige SS-Mann einen zusammengefalteten Zettel in die Hand. „Den brauchen Sie in Berlin. Sie werden am Flughafen abgeholt. Zeigen Sie dem Fahrer diesen Schein“, schrie er gegen den Motorenlärm an.
Ich steckte das Papier in die Innentasche meines Anzugs, verabschiedete mich mit Händedruck und lief, auf meine Krücken gestützt, über die taunasse Wiese zur Maschine.
Erst jetzt verstand ich, wozu die Decke gedacht war. Das hintere Cockpit lag offen im Heck, gut zwei Meter über dem Rumpf. Der Pilot zog erst meine Krücken und dann die Decke hinauf und deutete auf kleine Metallbügel an der Außenwand. Mit Hilfe des kleinen Mannes, der mich von unten hochdrückte, kletterte ich hinauf und setzte mich hinter den Piloten. Mein Sitz war nach hinten gerichtet, sodass wir Rücken an Rücken saßen.
Hinter mir blieb das Cockpit offen; von dort aus konnte ein einläufiges Maschinengewehr abgefeuert werden. Im Flugzeug war der Lärm noch schlimmer. Alles vibrierte und klapperte, aus Ritzen und Schläuchen zischte Dampf, und es roch nach Benzin und verbranntem Öl.
Der Pilot reichte mir eine lederne Fliegerkappe mit Kopfhörern und eine fellgepolsterte Fliegerbrille. Nachdem ich die Decke um die Schultern gelegt hatte, brüllte er mir ins Ohr, die Mikrofonanlage zwischen Pilot und Bordschützen sei defekt. Dann wandte er sich wieder den Startvorbereitungen zu.
„Was ist mit dem Maschinengewehr?“, fragte ich.
Er hörte mich nicht. Also tippte ich ihm auf die Schulter. Er hob die linke Ohrmuschel an und grinste.
„Zur Abwehr feindlicher Jagdflugzeuge. Können Sie damit umgehen, Obersturmführer?“
Meine Hände wurden feucht. Ich war noch nie in meinem Leben geflogen, und nun saß ich in einer angeschossenen Militärmaschine auf dem Platz des Heckschützen, auf dem Weg in die zerbombte Hauptstadt.
Meine Stille musste er als Zustimmung verstanden haben. Er hob die Ohrmuschel noch einmal an und schrie: „Ich denke, wir werden das Maschinengewehr nicht brauchen. Heute ist es ruhig über den Wolken. Auf unserer Route sind keine feindlichen Flugzeuge gemeldet. Außerdem ist das Munitionsmagazin ohnehin fast leer.“
Mit einem Ruck schloss er die Haube seines Cockpits und brachte den Motor auf Touren. Mit der steigenden Drehzahl wuchs auch meine Angst.
1
Wie bei der Landung hüpfte die Maschine auch beim Start über die Rasenpiste, um sich nach ungefähr hundert Metern mit einem letzten kräftigen Hopser in die Höhe zu schrauben. Zu dem dröhnenden Motorenlärm gesellten sich nun noch die Windgeräusche: ein lärmendes Rauschen und schrilles Pfeifen. Auf meinem hinteren Platz ohne Windschutz zerrte der Fahrtwind an jedem Kleidungsstück, das ich trug.
Wir gewannen schnell an Höhe. Je höher wir stiegen, desto kälter wurde es. Immer wenn die Maschine in ein Luftloch fiel oder von einer Böe durchgeschüttelt wurde, bekam ich ein flaues Gefühl im Magen, feuchte Hände und Herzrasen. Ich starrte am Lauf des Maschinengewehrs vorbei in den wolkenlosen Himmel oder schloss die Augen, nur um sie beim nächsten Ruck sofort wieder aufzureißen. Die Flugangst drängte meine Gedanken über den Grund meines Erscheinens in Berlin allmählich in den Hintergrund.
In regelmäßigen Abständen stieß mich der Pilot mit dem Ellenbogen an und deutete nach unten, wenn es etwas Auffälliges zu sehen gab. Während die Welt hier oben friedlich wirkte, glich Deutschland am Boden einer bizarren Wüste auf einem fernen Planeten. Aus der Vogelperspektive erkannte ich das Ausmaß der Bombenzerstörung Anfang 1945. Wir flogen nördlich an Frankfurt vorbei, dann über Fulda, Erfurt und Halle an der Saale: Überall bot sich das gleiche Bild.
Ganze Innenstädte, Vororte, Industrieanlagen und Brücken schienen dem Erdboden gleichgemacht. Riesige Gebiete waren von Bombentrichtern übersät, zwischen denen nur noch vereinzelt Häuser, Bäume oder Strommasten aufragten.
Trotz des dröhnenden Motors und der Windgeräusche wurde es plötzlich still in mir. Selbst meine Nervosität ordnete sich diesem beklemmenden Gefühl unter. Die Zerstörungen, die ich aus der Luft sah, erschütterten meine bisherigen Vorstellungen. Dort, wo wir wohnten, waren wir von den Luftangriffen lange weitgehend verschont geblieben. Erst als die ersten Bomben unsere Siedlung trafen, begriff ich, dass auch wir dem Schrecken des Bombenkriegs hilflos ausgeliefert waren. Doch erst jetzt, aus der Vogelperspektive in zweitausend Metern Höhe, erkannte ich sein wahres Ausmaß. Mir wurde klar, dass im ganzen Reich Tausende Bomben Zerstörung, Leid und Tod brachten — nicht so, wie die Propaganda es darstellte.
2
Jäh wurde ich aus meiner Nachdenklichkeit gerissen. Wir hatten Leipzig im Norden passiert und befanden uns kurz vor Berlin, als wir plötzlich unter Beschuss gerieten. Unzählige Granaten explodierten über unseren Köpfen wie ein Silvesterfeuerwerk, schwarze, pilzförmige Rauchwolken fraßen sich in den Himmel und lösten sich Sekunden später wieder auf. Mein Puls schoss hoch. Mit einem Mal roch die Luft nach Schießpulver.
Ich blickte nach oben. Der Himmel hatte sich mittlerweile zugezogen, und die Explosionen hinterließen ein gleichmäßiges Fleckenmuster auf der grauen Wolkendecke. Mein Pilot flog mehrere riskante Ausweichmanöver, um nicht in die Reichweite der Granatsplitter zu geraten. Dann deutete er wieder nach unten. Ich beugte mich aus der offenen Kanzel und schaute zur Erde.
Uns beschoss eine deutsche Flugabwehrstellung. Deutlich erkannte ich das Mündungsfeuer der schweren Kanonen. Hatten sie irrtümlich das eigene Flugzeug ins Visier genommen und uns mit einer feindlichen Maschine verwechselt? Man hatte mir doch versichert, dass die Flugabwehr über unseren Flug informiert sei und wir gefahrlos über das Land fliegen könnten.
Plötzlich riss die Wolkendecke über uns auf, und mir wurde klar, dass der Beschuss nicht uns galt. In den Lücken entdeckte ich weitere, deutlich größere Flugzeuge. Eine amerikanische Bomberstaffel nutzte die günstigen Sichtverhältnisse und flog mit Hunderten fliegender Festungen in entgegengesetzter Richtung. Sie wirkten wie ein Schwarm silbrig glänzender Fische in großer Höhe. Hinter ihnen zogen sich lange weiße Kondensstreifen, die ein weiß-blaues Muster an den Himmel zeichneten. Um die Bomber herum jagten Dutzende kleinerer Flugzeuge. Dort oben tobte ein Luftkampf zwischen amerikanischen Bombern und deutschen Abfangjägern.
Dann krachten Einschläge. Mehrere kleine Teile splitterten aus unserem Flugzeug heraus. Treffer eines Maschinengewehrs — oder doch der deutschen Flak unter uns? Noch während ich darüber nachdachte, heulte der Motor auf. Der Pilot riss die Maschine in eine steile Linkskurve, die unmittelbar in einen Sturzflug mündete.
Windgeräusche, Granaten und Motorenlärm verschmolzen zu einem einzigen Inferno. Dann lastete plötzlich ein heftiger Druck auf meinen Ohren. Schmerz durchfuhr mich, und alle Geräusche klangen nur noch dumpf, als stünde ich unter Wasser. Ich schluckte mehrmals, doch ohne Erfolg. Gleichzeitig schoss mir das Adrenalin durch den Körper. Panik packte mich.
Erst wenige hundert Meter über dem Boden zog der Pilot die Maschine wieder steil nach oben. Mein Magen drehte sich einmal vollständig um, und für einen Augenblick wurde mir schwarz vor Augen. Ich presste die Lider zusammen. Der Pilot schrie mich an, doch ich verstand ihn nicht. Als ich wieder hinsah, erkannte ich mit Entsetzen, was uns tatsächlich beschoss.
Ein amerikanisches Jagdflugzeug hing an unserem Heck und feuerte in unregelmäßigen Abständen Salven aus seinen Tragflächen. Ein heftiges Klopfen auf meiner Schulter holte mich aus meinem Schock. Ich drehte mich zum Piloten, hob die Ohrmuschel meiner Fliegerkappe an und beugte mich so weit wie möglich zu ihm hinüber. Er wandte den Kopf nur halb zu mir und schrie mir direkt ins Ohr:
„Eine amerikanische Mustang, das modernste Jagdflugzeug der Amis, klebt uns am Hintern. Wenn wir überhaupt eine Chance haben, dann schießen Sie mit dem Maschinengewehr — schnell!“
Seine Stimme war von blanker Panik durchzogen. Im selben Moment riss er den Steuerknüppel erneut hart zur Seite und flog das nächste halsbrecherische Manöver. Der Amerikaner verschwand für einen Augenblick aus meinem Blickfeld. Vor mir ragte die schwere schwarze Waffe in den Himmel, mit der ich nun mein Leben und das des Piloten verteidigen sollte.
Mit feuchten Fingern umschloss ich den Abzug, presste den Kolben gegen die Schulter, so wie ich es einmal im Kino gesehen hatte, und zog vorsichtig. Nichts. Noch einmal, diesmal stärker. Wieder nichts.
Der amerikanische Jagdflieger tauchte wieder auf und feuerte die nächste Salve. Mein Pilot riss mir die Fliegerkappe nach hinten vom Kopf. Der Kinnriemen schnitt mir tief in den Hals, und die Fliegerbrille rutschte auf die Stirn. Ohne die Kappe schlug mir der Wind noch schärfer ins Gesicht.
„Schießen Sie endlich!“, brüllte der Pilot.
Ich nickte hektisch und zog erneut verzweifelt am Abzug. Nichts. Also drehte ich mich zu ihm, hob seine Fliegerkappe am Ohr an und schrie ihm mein Problem entgegen. Für einen Augenblick nahm er beide Hände vom Steuerknüppel, drehte den Oberkörper zu mir und zeigte auf einen kleinen Hebel an der Waffe.
„Sie müssen den Sicherungshebel umlegen!“
Die nächste Salve des Amerikaners zischte über unsere Köpfe hinweg. Mein Pilot warf die Maschine wieder in einen extremen Sturzflug und zog sie Sekunden später brutal nach oben. Der Inhalt meines Magens wirbelte wie in einer Waschtrommel durcheinander, und ich war der Ohnmacht gefährlich nahe. Nur das Adrenalin hielt mich wach.
Meine zitternden Finger brauchten lange Sekunden, bis ich den Sicherungshebel mit einem Klick entriegelt hatte. Dann riss ich den Lauf des Maschinengewehrs hoch, kniff die Augen zu einem schmalen Schlitz zusammen und zog noch einmal am Abzug.
Diesmal feuerte das schwarze Ungetüm los. Mündungsfeuer blitzte auf. Die Kugeln zischten kreuz und quer in den Himmel. Trotz der Verankerung am Rumpf war der Rückstoß des Gewehrs deutlich zu spüren. Mein ganzer Körper vibrierte unter der kurzen Salve. Dann war plötzlich Schluss.
Ein beißender, öliger Geruch stieg mir in die Nase und brannte in den Augen. Ich zog noch einmal am Abzug. Wieder nichts — nur ein trockenes, ratterndes Klacken. Das Magazin war leer. Ich blickte den Lauf entlang nach oben. Aus der Mündung stieg Dampf auf. Meine Hände zitterten unaufhörlich. Mir dröhnte der Kopf. Mit dem Handrücken rieb ich mir die brennenden Augen und schob die Fliegerbrille wieder auf die Nase.
Der amerikanische Jagdflieger war verschwunden.
Ich konnte ihn unmöglich getroffen haben, schoss es mir sofort durch den Kopf. Und doch war unser Verfolger nicht mehr da. Einfach weg. Wie vom Himmel gefallen.
Für einen Augenblick wich alle Luft aus meinen Lungen. Angst und Adrenalin fielen plötzlich von mir ab. Nach der Anspannung sackte ich entkräftet in den Sitz zurück. Meine Arme hingen schlaff an mir herab wie Fremdkörper. Mit einem leisen Plopp löste sich sogar der Druck in meinen Ohren.
Kein einziger Gedanke ging mir mehr durch den Kopf. Da war nur Leere, keine Emotion, nichts. Ich starrte in den blauen Himmel, und für einen Augenblick schien jedes Leben aus meinem Leib zu weichen. Erst ein Würgen riss mich in die Wirklichkeit zurück.
Ohne mich nach vorn zu beugen, übergab ich mich. Mehrfach. Das Erbrochene lief in kleinen Schüben aus meinem Mund. Ich blieb schlaff in meinem Sitz hängen, bis das Würgen endlich nachließ. Meinen Anzug und meine Hose kotzte ich voll. In diesem Augenblick war mir alles gleichgültig.
3
Ich schreckte auf, als mir eine Hand heftig auf die Schulter schlug.
„Sie Wahnsinnskerl, wie haben Sie das nur angestellt?“, hörte ich meinen Piloten durch die angehobene Ohrmuschel schreien.
Mir war immer noch hundeelend und mein ganzer Körper war trotz der Kälte durchgeschwitzt. Ich hing auf meinem Sitz wie ein nasses Handtuch, mein Kopf so leer wie das Magazin des noch rauchenden Maschinengewehrs vor mir.
„Wie auch immer — ich hatte meine Gebete schon gesprochen!“, schrie der Pilot, klatschte mir auf die Wange und setzte sich wieder hinter den Steuerknüppel. Nach dem eben Erlebten ließen mich selbst die Luftlöcher fast kalt.
Nach zwei Stunden Flugangst landeten wir schließlich auf dem Flughafen Berlin-Tempelhof. Sofort fiel mir die Zerstörung an Gebäuden und Hangars ins Auge. Die Rasenflächen und Rollbahnen waren von Bombentrichtern übersät, einige provisorisch mit Schutt und Erde verfüllt. Auf dem teils zerstörten Dach der großen halbkreisförmigen Abflughalle standen Flugabwehrkanonen mit ihren Besatzungen hinter Mauern aus Sandsäcken. Während die Maschine ausrollte, kratzte ich die inzwischen eingetrocknete Kruste des Erbrochenen von meinem Anzug. Ohne den Fahrtwind stieg mir der säuerliche Geruch in die Nase. Mein Bauch fühlte sich noch immer flau an, zugleich quälte mich ein brennender Durst.
Als die Maschine vor einem Hangar zum Stehen kam und mein Pilot die Kanzel öffnete, liefen sofort zwei Luftwaffenpiloten auf uns zu. Der Flugzeugführer kletterte als Erster aus dem Cockpit und ging mit großen Schritten auf sie zu. Ich atmete erst einmal tief durch.
„Dieser Teufelskerl hat mit kaum mehr als einem Dutzend Schuss eine Mustang P-51 vom Himmel geholt!“, rief er schon von Weitem und fuchtelte wild mit den Armen.
„Wie bitte? Mit dieser alten Kiste?“, fragte einer der Piloten ungläubig.
„Gegen eine Mustang ist die Maschine doch völlig chancenlos“, sagte der andere, kletterte auf das Flugzeug und schnupperte am Lauf des Maschinengewehrs. „Hm. Ein MG 17. Es wurde abgefeuert.“
Mein Pilot sprang die Metallbügel am Rumpf hinauf, zog meine Krücken aus dem Cockpit, reichte sie einem der Männer und half mir heraus.
Dann verfielen die drei in eine angeregte Fachsimpelei. Ich stand daneben und schwieg. Was sie über meinen angeblichen Abschuss sagten, erschien mir wenig glaubhaft. Doch ich wusste selbst nicht, was mit dem amerikanischen Jäger geschehen war.
Mit einem überschwänglichen Händedruck verabschiedete sich mein Pilot schließlich von mir. „Danke nochmals, Kumpel. Wohin geht’s jetzt für Sie?“
„Keine Ahnung. Ist geheim“, sagte ich achselzuckend.
Im selben Augenblick fiel mir der zusammengefaltete Zettel wieder ein, den ich noch immer in der Innentasche meines Anzugs trug.
„Ein Tipp noch“, sagte der Pilot und zeigte auf meinen kotzverschmierten Anzug. „Ziehen Sie sich etwas Frisches an.“
Dann schwang er sich wieder in seine Maschine, drehte den Motor hoch und rollte mit dem Flugzeug in einen der wenigen noch unzerstörten Hangars.
Ich stand kaum eine Minute auf dem Flugfeld, als ein Mann in SS-Uniform auf mich zutrat. Er stellte sich knapp vor, fragte höflich nach meinem Namen und bat mich um das zusammengefaltete Papier, das ich in Eschborn erhalten hatte.
Neugierig öffnete ich den Zettel. Es war ein Passierschein für den inneren Verteidigungsring der Hauptstadt. Die Unterschrift darunter kannte ich nur zu gut: Adolf Hitler.
Langsam bestätigte sich meine Ahnung, wohin diese Reise führte — wenn auch noch immer nicht, warum ich überhaupt nach Berlin beordert worden war.
Der Mann nahm den Zettel wieder an sich, nickte kurz und führte mich zu einem grünen VW-Kübelwagen, der am Rand des Flugfeldes parkte. Er setzte sich ans Steuer, und ohne ein weiteres Wort fuhren wir los.
Wir passierten mehrere Sperrkreise, die sich ringförmig um die zerbombte, gesichtslose Innenstadt zogen. An jeder Kontrolle musste ich meinen SS-Ausweis und den Passierschein vorzeigen.
In manchen Straßenzügen standen nur noch vereinzelte Häuser oder Fassaden, an anderen fehlten ganze Wohnblöcke. Schutt, Balken und zerbrochene Ziegel häuften sich an den Straßenrändern; Glasscherben verwandelten den Asphalt in ein unwirkliches Glitzermeer. Manche Straßen waren durch Bombentrichter völlig unpassierbar, und überall roch es nach verbranntem Holz. Menschen räumten mit bloßen Händen oder einfachem Gerät Trümmer beiseite und suchten nach Verschütteten, während viele Frauen mit Körben durch die Straßen liefen.
Im ganzen Stadtgebiet sah ich keine Hakenkreuzfahnen mehr an Fassaden oder Fahnenmasten, so wie Berlin in der Wochenschau sonst für bombastische Propagandabilder herausgeputzt worden war. Der einstige Glanz der Reichshauptstadt lag in Trümmern. Je näher wir dem Zentrum kamen, desto häufiger wurden die Kontrollen — bis wir schließlich unser Ziel erreichten: die steingewordene Machtzentrale Adolf Hitlers, die Neue Reichskanzlei.
Sie beeindruckte durch ihre monumentale Fassade in der Voßstraße — über vierhundert Meter lang, von Säulen gerahmt. Doch unser Ziel lag nicht dort, sondern im Garten der Alten Reichskanzlei. Dort befand sich der Eingang zu jenem unterirdischen Bunkerlabyrinth, in dem sich Adolf Hitler und sein engster Machtapparat aufhielten: der Führerbunker.
Erst jetzt wurde mir wirklich klar, dass nicht nur das leidende deutsche Volk Schutz vor den verheerenden Bombenangriffen suchte, sondern auch die Führungsspitze des Reiches sich in Berlin unter acht Metern Erde und hinter meterdicken Betonschichten verbarrikadiert hatte.
Mein Fahrer eilte mit großen Schritten durch den Garten der Reichskanzlei, während ich, auf meine Krücken gestützt, so schnell ich konnte über die Schutthaufen hinterherhumpelte. Den Passierschein klemmte ich schließlich zwischen die Zähne, weil es zu mühsam wurde, die Krücken in einer Hand zu halten und mit der anderen ständig nach den Papieren zu greifen.
Am letzten Kontrollpunkt vor dem Eingang zum Führerbunker durchsuchte mich ein Wachsoldat nach Waffen und Sprengstoff. Ich musste mich bis auf Hose und Hemd ausziehen; selbst Schuhe, Einlegesohlen und Absätze wurden überprüft. Erst nachdem der Soldat mit dem Inneren des Bunkers telefoniert hatte, durfte ich passieren.
Mehrere schwere Stahltüren wurden geöffnet. Ein anderer Wachposten holte mich am Eingang ab und führte mich eine lange Betontreppe hinunter in den Untergrund. Mit jeder Stufe wuchs meine Anspannung.
Am Ende der Treppe öffneten zwei Wachsoldaten von innen eine schwere Stahltür. Ich trat in einen Schleusenraum, der bis unter die Decke mit dunkelgrauen Steingutfliesen verkleidet war und nur von einer schwachen Bunkerlampe erhellt wurde. Hinter mir fiel die gasdichte Stahltür ins Schloss, dann öffnete sich das letzte Eisentor zur unterirdischen Leitstelle des Deutschen Reiches.7
